Namensgebung mit Hindernissen

von | 30. Dezember 2018

Die Stimmung am Tisch ist mehr als angespannt in Sönke Wortmanns neuem Kinofilm. Foto: © 2018 Constantin Film / Tom Trambow

Für werdende Eltern ist die Suche nach dem Namen des eigenen Sprösslings eine Herausforderung. Ob kurz und prägnant, altmodisch oder eher ein ausgefallener Doppelname: Hauptsache er klingt schön und kann später von den Kindern anderer Eltern nicht zum Mobbing auf dem Schulhof missbraucht werden. In Sönke Wortmanns neuem Film Der Vorname ist sich das zukünftige Elternpaar bei der Wahl des Babynamens schon einig geworden. Doch die frohe Kunde löst bei Verwandten und Freunden Entsetzen aus.

Die Gläser sind poliert, der Tisch ist gedeckt und einem perfekten Abendessen steht eigentlich nichts mehr im Wege. Während Gastgeber Stephan (Christoph Maria Herbst) gekonnt den Anruf seiner Schwiegermutter Dorothea (Iris Berben) ignoriert, verpasst seine Frau Elisabeth (Caroline Peters) in der Küche ihrem indischen Curry den letzten Schliff. Und langsam aber sicher trudeln schon die ersten Gäste in das gutbürgerliche Haus der Bonner Familie ein. Unter ihnen: Elisabets Bruder Thomas (Florian David Fitz) und der gemeinsame Familienfreund René (Justus von Dohnányi). Ersterer hat gute Neuigkeiten für alle Anwesenden. Er und seine schwangere Freundin Anna (Janina Uhse), die etwas verspätet zum Abendessen erscheint, haben vor kurzem das Geschlecht ihres Kindes erfahren: Es wird ein Junge! Und sie sind sich sogar schon darüber einig, wie er heißen solle, erklärt Thomas stolz. Die Runde macht sich einen Spaß daraus, den Namen des Kindes – laut Thomas finge er mit dem Buchstaben A an – zu erraten. Von Abraham bis Axel machen sie allerlei Vorschläge, ohne jedoch einen Treffer zu landen. Als Elisabeth kurz in der Küche verschwindet, lässt der werdende Vater schließlich die Bombe platzen.

Der Beginn eines bösen Familienstreits

„Wir nennen ihn Adolf“, antwortet Thomas und schaut verschmitzt in die Runde. Was anfangs noch als Scherz verstanden wird, eskaliert schnell zu einer hitzigen Diskussion. Und während Elisabeth in der Küche das Abendessen vorbereitet, kocht inzwischen nicht nur das Curry auf dem Herd, sondern auch die Stimmung nebenan im Wohnzimmer. Besonders Stephan, seines Zeichens politisch-korrekter Literaturprofessor, ist außer sich und redet sich bei einem Wortgefecht mit seinem Schwager immer mehr in Rage. Jeder der beiden liefert immer wieder Argumente für, beziehungsweise gegen den Namen Adolf, sodass sowohl bei den Figuren, als auch bei den Zuschauern die Frage aufkommt: Darf man sein Kind überhaupt so nennen?

Was als Grundsatzdiskussion über die Adolf-Frage beginnt, entwickelt sich immer mehr zu einem ausgewachsenen Streit zwischen Thomas und Stephan. Während Elisabeth, durch ihren Beruf als Lehrerin geprägt, versucht, zwischen den beiden Parteien zu vermitteln, um den Abend doch noch zu retten, hält sich der sensible René gekonnt aus allem heraus. Als dann auch noch Anna zu der Runde dazu stößt, ist das Chaos perfekt. Und die Tatsache, dass die hochschwangere Frau raucht und trinkt, wird plötzlich zur Nebensächlichkeit. Man beleidigt, verhöhnt und verspottet sich gegenseitig. Vorbei ist es mit den guten Manieren und dem Bemühen, den Anstand zu wahren. So wird auf einmal all das ausgesprochen, was man sich bisher nie zu sagen getraut hatte.

Französisches Vorbild mit deutschem Twist

Wie auch das aus Frankreich stammende Original (Le Prénom) von Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte aus dem Jahr 2012, braucht Der Vorname nicht viel, um an Fahrt aufzunehmen. Sechs Personen, drei Männer und drei Frauen genügen, um ein konfliktgeladenes Kammerspiel auf den Tisch zu zaubern. Mit dem Remake ist es Regisseur Sönke Wortmann nicht nur gelungen, die Vorlage auf heutige Verhältnisse zu übertragen, er dockt auch mit Anspielungen auf die AfD und die Flüchtlingskrise sinnvoll an aktuelle Diskurse an, ohne dabei auf gewitzte Kommentare zu verzichten.

Auch wenn sich der Schauplatz des Geschehens bis auf wenige Ausnahmen nicht ändert, so wirkt der Film auf den Zuschauer keinesfalls langweilig oder eintönig. Ganz im Gegenteil: Das, was das Set des Films nicht bieten kann, wird durch ein gutes Drehbuch, bissige Dialoge und eine starke schauspielerische Leistung wieder mehr als wett gemacht. Besonders Christoph Maria Herbst verkörpert die Rolle des kleinkarierten, spießbürgerlichen Professors mit einem Faible für Cordjacken grandios, wobei eine gewisse Ähnlichkeit zu seiner Kult-Rolle als Stromberg nicht von der Hand zu weisen ist. Auch Florian David Fitz nimmt man die Rolle des scharfzüngigen Immobilienmaklers Thomas ab, welcher allzu gerne durch spitze Seitenhiebe gegen seinen Schwager immer wieder Öl ins Feuer kippt. Und spätestens, wenn die Figuren von Janina Uhse und Caroline Peters ihren verbalen Wutausbruch an den Tag legen, kann man sich als Zuschauer genüsslich zurücklehnen und dabei zusehen, wie das Wohnzimmer der Familie nach und nach zur Vorhölle mutiert.

Text: Marie Kühnemann, Foto: © 2018 Constantin Film / Tom Trambow
Marie Kühnemann

Marie Kühnemann

geb. 1996, studiert seit Oktober 2017 Medienmanagement mit dem Schwerpunkt Media and Economics an der Hochschule Mittweida. Bei medienMITTWEIDA ist sie seit Beginn des Wintersemesters 18/19 als Leiterin der Redaktionsgruppe Design tätig.
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