Bühne frei

von | 30. Dezember 2018

Eine klassische, liebevoll erzählte Heldenreise eines amerikanischen Zirkuspioniers, dargestellt von Star-Schauspieler Hugh Jackman, erwartet den Zuschauer in dem Hollywood-Streifen. Foto: © 2017 Twentieth Century Fox

Greatest Showman ist ein Musicalfilm aus Hollywood. Das erklärt seine Stärken und entschuldigt seine Schwächen. Wer Sozialkritik, facettenreiche Plots und feingezeichnete Charaktere erwartet, wird enttäuscht. Wer sich jedoch für anderthalb Stunden in ein buntes Disneyland entführen lässt, den belohnt dieser Film mit grandiosen Liedern.

Die besten Filme ähneln oft Träumen: Sie bleiben noch lange danach im Kopf, sie lassen sich nicht einfach abschütteln, sie bewegen etwas in uns – auch wenn der Tag schon graut oder der Vorhang längst gefallen ist. Greatest Showman ist ein solcher Film (und er hat auch viel von einem Traum, aber dazu später mehr): Ein stimmungsvolles Musical, bildgewaltig in Szene gesetzt, emotional mitreißend und perfekt durchchoreografiert – und damit wahrhaftig „The Greatest Show“ in diesem Jahr.

Nicht, weil die Handlung sonderlich komplex wäre: Die filmische Biografie über Aufstieg und Fall des amerikanischen Zirkuspioniers P. T. Barnum (Hugh Jackman) ist eine klassische Heldenreise. Aus einfachen Verhältnissen stammend, bahnt sich Barnum im 19. Jahrhundert mit Charme und Einfallsreichtum seinen Weg an die Spitze der Unterhaltungsgesellschaft, indem er seinem großen Traum folgt. Sein „Zirkus“ ist eine Ansammlung wundersamer Kreaturen, „Freaks“, Monster, den Ausgestoßenen und Verlachten: Einem Zwergengeneral, einer bärtigen Frau, dem schwersten Mann der Welt, dem haarigen „Dog Boy“. Ihnen allen gibt Barnum ein Zuhause, impft ihnen das Selbstbewusstsein ein, um den Zwängen der Zeit die Stirn zu bieten. Mit Hilfe des reichen, aber gelangweilten Dandys Phillip Carlyle (Zac Efron) schafft es dieses Ensemble bis an den viktorianischen Hof der englischen Queen. Doch der Erfolg verändert Barnum, er will mehr – und riskiert dafür alles: Seinen Ruf, sein Vermögen und seine Familie. Erst spät besinnt sich Barnum – geläutert – auf das, was wirklich für ihn zählt. Das alles ist so vorhersehbar wie kitschig, aber eben auch herzerwärmend und liebevoll erzählt.

Keala Settles Stimme ist eine Entdeckung des Jahres

Greatest Showman war ein Herzensprojekt von Hugh Jackman, der hier nach Les Misérables erneut zeigt, was stimmlich in ihm steckt. Abgesehen von Efron fehlen die ganz großen Namen auf der Besetzungsliste, was diesem bis in die Nebenrollen erstklassig besetzten Film aber eher nützt als schadet. Sonst wäre die grandiose Keala Settle als bärtige, aber stimmgewaltige Lettie Lutz vielleicht untergegangen.

Kritiker haben dem Film vorgeworfen, Geschlechterklischees und das Elend des industriellen Zeitalters nicht angemessen auszuleuchten, Behinderte verlogen und kalkuliert als „Missing Link“ zu missbrauchen. Und das verfängt ja durchaus: Greatest Showman erstickt Widersprüchliches unter einer dicken Schicht Puderzucker und glasiert sich ein keimfreies Disneyland der wohltemperierten Emotionen: Leidenschaft, Liebe, Hoffnung, Angst, Verzweiflung – alles das gibt es hier in der richtigen Dosis und familienfreundlich verpackt. Jackman warnte sogar davor, die reale Biografie von Barnum mit der im Film erzählten Geschichte zu vergleichen. Nach allem was man weiß, war das historische Vorbild keineswegs der Menschenfreund und Freakversteher, zu dem Jackmans Figur in Michael Graceys Film stilisiert wird, sondern ein kühl kalkulierender Ausbeuter – sei es drum.

Kristallklare Storyline

Greatest Showman überzeugt als traumhaftes musikalisches Märchen mit einer kristallklaren Storyline, einem klinisch reinen Setting und simplen Kniffen. Der Film lässt einen nicht los, er hallt nach. Das liegt vor allen an den großartigen Songs von John Debney und Joseph Trapanese. Ob das hoffnungsvolle „A Million Dreams“, das mitreißende „From Now On“ oder das mehrfach ausgezeichnete „This Is Me“ – der Film mag historisch ungenau sein, aber die Lieder treffen zielsicher mitten ins Herz, bleiben im Kopf, bringen innere Saiten zum Klingen. Viel besser kann großes Gefühlskino aus Hollywood im Jahr 2018 nicht sein.

Text: Janis Brinkmann, Foto: © 2017 Twentieth Century Fox

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