Veganer Aktivismus

„NICHT VEGAN SEIN IST NICHT OK!“ – Radikal vegan: Abschreckend oder überzeugend?

von | 22. Mai 2026

Veganer Aktivismus und seine Grenzen. Im Gespräch mit dem „Veganist". Was bringt radikaler Veganismus wirklich?

Radikaler Veganismus ist häufig in Kritik. Er sei „zu extrem“ und „zu aggressiv“. Wie sinnvoll kann das sein und welches Ziel verfolgt er? Die Meinungen zu diesem Thema reichen weit. Der vegane Aktivist Tobi Neuschulte berichtet in einem Interview von seinen persönlichen Erfahrungen sowie seiner Ansicht zu radikalem Veganismus und seiner Berechtigung.

Es ist ein warmer Frühlingstag. Bummelnd durch die Stadt, genüsslich mit einer Kugel Eis in der Hand. In der Ferne ist eine Stimme zu hören. Eine metallische, blecherne Stimme durch ein Megafon. „Nicht vegan ist nicht okay“, ertönt es von Weitem. Von Neugier gepackt, sich der Stimme nähernd, sind Menschen zu sehen. Sie wirken ungeduldig und warten auf eine Diskussion. In der Mitte: Aktivist:innen. Um sie herum Schilder mit Bildern von leidenden Tieren in Schlachthäusern. Ein unangenehmes, beklemmendes Gefühl erwacht. Ein Schild scheint besonders Wirkung zu zeigen: „NICHT VEGAN SEIN IST NICHT OK!“. Menschen in hitziger Diskussion mit veganen Aktivist:innen. Straßenaktivismus ist keine Seltenheit bei veganem Aktivismus. Doch wie sinnvoll ist er wirklich, wann wird er radikal und wo kommt er an seine Grenzen?

Was ist Veganismus?

Veganismus ist eine Lebensweise, die versucht – so weit, wie es praktisch durchführbar ist – alle Formen von Ausbeutung und Grausamkeiten an leidensfähigen Tieren für Essen, Kleidung und andere Zwecke zu vermeiden; und die in weiterer Folge die Entwicklung und Verwendung von tierfreien Alternativen zu Gunsten von Mensch, Tier und Umwelt fördert. In Bezug auf die Ernährung bedeutet dies den Verzicht auf alle Produkte, die zur Gänze oder teilweise von Tieren gewonnen werden.

-Offizielle Definition der Vegan Society auf deutsch übersetzt

Veganer Aktivismus und seine Formen

In erster Linie hat Aktivismus das Ziel, Aufmerksamkeit auf ein Thema zu lenken und Veränderungen in der Gesellschaft herbeizuführen. Die Durchführung dessen kommt in verschiedenen Formen, welche alle den Kern haben, ein Thema zu beleuchten und Ungerechtigkeit aufzuzeigen.

Demonstrationen und Proteste sind in solchen Themen am häufigsten und bieten auch für Menschen, die nicht selbst als Aktivist:innen tätig sind, eine Möglichkeit, ihre Ansichten zu unterstützen. Demonstrationen für Veganismus finden auch in Deutschland regelmäßig statt und werden von Tierrechtsorganisationen wie PETA, animal rights watch oder anderen Verbänden sowie lokalen Aktivist:innen organisiert.

Eine weitere Art des Aktivismus ist finanzieller Aktivismus, beispielsweise in Form von Boykotten. Dieser zeigt sich besonders beim Veganismus, da Veganer:innen grundsätzlich auf tierische Produkte verzichten und somit die Industrie boykottieren.

Auch ziviler Ungehorsam ist eine Methode, die seit langer Zeit angewendet wird. Dabei geht es Aktivist:innen ebenfalls darum, Aufmerksamkeit auf ein Thema zu lenken und Ungerechtigkeiten aufzudecken. Dabei werden teilweise auch illegale Taten durchgeführt, die auch mit Konsequenzen wie Geldstrafen oder Verhaftungen einher gehen können. Im Bezug auf veganen Aktivismus ist hier ein bekanntes Beispiel in Schlachthäuser einzubrechen und Aufnahmen im Internet zu teilen.

Heutzutage findet Aktivismus auch in den sozialen Medien, wie Instagram oder TikTok, eine Bühne. Aktivist:innen teilen ihre Ansichten, aufgenommene Bilder oder Straßenaktivismus im Netz und verbreiten somit ihr Ziel noch weiter. Als wohl bekannteste vegane Aktivistin Deutschlands ist Raffaela Raab, auch bekannt als „die militante Veganerin“, den meisten ein Begriff. Durch ihre laute und konfrontative Art sorgt sie schon seit einigen Jahren für Diskussion rund um das Thema Veganismus und Aktivismus.
Neben ihr gibt es auch weitere Creator, die ihren Straßenaktivismus im Netz teilen. Darunter zum Beispiel auch Tobi Neuschulte, bekannt unter dem Namen „der Veganist“ oder Oliver Loos, auch bekannt als „der extreme Veganer“.

Für den Straßenaktivismus bekannt ist auch die Organisation „Anonymous for the Voiceless“. Dabei handelt es sich um eine Non-Profit-Tierschutz-Organisation, die den Großteil ihres Aktivismus auf der Straße durch Bilder von Tierhaltung und Tötung, sowie Gespräche mit Zivilist:innen durchführen. Stellenweise teilen Mitglieder der Organisation, wie zum Beispiel Oliver Loos, diese Interaktionen online. Oft verweisen aktivistische Creator auch auf Dokumentationen über die Zustände von Schlachthäusern oder der Milchindustrie.

Radikaler Veganismus an seinen Grenzen

Der Begriff Radikalismus bedeutet im Kern etwas von Grund auf oder an der Wurzel zu verändern. Im Diskurs im Alltag wird der Begriff häufig negativ konnotiert und mit aggressiven Handlungen oder Gewalt assoziiert. Auch wird der Begriff im Alltag häufig mit Extremismus gleichgestellt. Dabei geht es in einem politischen Kontext darum, die Demokratie einzuschränken, abzuschaffen und durch ein neues System zu ersetzen. Im Zusammenhang mit veganem Aktivismus wird häufig das Wort „radikal“ verwendet. Im Kern bedeutet das hier also, das System der Fleisch-, Milch- und allgemein der Tierindustrie zu kritisieren und von Grund auf verändern zu wollen. Auch illegale Maßnahmen wie Einbrüche lassen sich dieser Kategorie zuordnen.

Diese Art von veganem Aktivismus stößt in den Medien häufig auf Kritik: Eine laute und uneinsichtige Art Werte zu vermitteln sei nicht zielführend und führe bei vielen Menschen eher zu Reaktanz als zu Verständnis und einer Verhaltensänderung. Laut Stimmen auf den sozialen Medien wie TikTok, sei diese Methode zwar provokativ und lenke dementsprechend Aufmerksamkeit auf das Thema, führe aber nicht langfristig zu einer Verhaltensänderung oder Einsicht. Auch Vergleiche von Speziesismus mit Rassismus oder Massentierhaltung mit dem Holocaust sei in den Augen vieler Menschen unangebracht.  Alternativ wünschen sich Menschen einen ruhigeren Ansatz, eher mit dem Fokus auf Aufklärung anstelle von Angriffen.

Speziesismus

Speziesismus beschreibt die Diskriminierung von nicht-menschlichen Tieren und betrachtet sie als Ware. Im Vordergrund steht das Höherstellen des Status von Mensch im Vergleich zu Tier.

Tobi Neuschulte (der Veganist) und Raffaela Raab (die Militante Veganerin) beim Straßenaktivismus
Quelle: Tobias Neuschulte

Im Gespräch mit Tobi Neuschulte

Tobi Neuschulte, online bekannt unter dem Namen „der Veganist“, berichtet in einem persönlichen Interview mit medienMITTWEIDA von seinen Erfahrungen als veganer Aktivist und erzählt seine Ansichten zum Thema radikaler Veganismus.

Er selbst macht seinen Aktivismus in Form von Straßeninterviews und teilt diese online, um eine größere Reichweite zu erlangen. Dabei, berichtet er, lege er Wert darauf, nicht emotional in die Situation zu treten oder laut zu werden, sondern auch beispielsweise mit dem Bezug zu Fitness seinem Gegenüber auf Augenhöhe zu begegnen und die Thematik in den Mainstream zu bringen. Das Diskutieren auf Augenhöhe sei laut seiner Einschätzung sinnvoll, um Trotzreaktionen, Reaktanz oder Blockaden zu vermeiden. Für ihn selbst, so erzählt er, war sein Auslöser, vegan zu werden Dokumentationen, die über die Zustände von Tierhaltung und Tötung aufklären. Erst nachdem er vegan wurde, beschäftigte er sich näher mit Aktivismus und begann anschließend selbst aktivistisch tätig zu werden.

In seiner Einschätzung seien verschiedene Menschen für verschiedene Arten von Aktivismus zugänglich. Einige, eher harmoniebedürftige Menschen, seien also eher durch einen stillen und subtilen Aktivismus erreichbar, während andere eher auf Konfrontation reagieren würden und dementsprechend Formen, wie eine laute und konfrontative Kommunikation bräuchten, um einen vergleichbaren Effekt zu erzielen.

Bei diesem konfrontativen Aktivismus werden auch von ihm teilweise Aussagen, wie „Nicht vegan sein ist schwach.“ oder „NICHT VEGAN SEIN IST NICHT OK!“ genutzt. Diese, so erklärt er, würden in erster Linie der Provokation dienen. Menschen sollen darauf anspringen und eine Diskussion starten, was somit weiterhin Aufmerksamkeit auf das Thema lenke.

Auf das Argument vieler Menschen, dass es sinnvoller sei, viele unperfekte pflanzlich lebende Menschen zu gewinnen als eine Hand voll perfekte Veganer:innen, erklärt er: „Ich muss mit der Maximalforderung reingehen. Weil wenn ich den Menschen das Gefühl mitgebe, reduzier doch ein bisschen, dann sag ich ja gleichzeitig immer noch unterschwellig, zu einem gewissen prozentualen Anteil ist Ausbeutung und Missbrauch ja okay“.

Wirkung von Aktivismus auf Veganismus

Ein konkreter Zusammenhang zwischen der Wirkung von Aktivismus und der Anstieg an Veganer:innen in Deutschland mit den Jahren ist bisher nicht klar definierbar. Jedoch lässt die Verbreitung von veganem Aktivismus durch Straßenaktivismus oder im Netz und somit der Austausch darüber einen Zusammenhang vermuten.

Laut Erfahrungsberichten vieler Veganer:innen, darunter auch Tobi, sind Dokumentationen ein häufiger Auslöser oder erster Denkanstoß für Menschen, die prinzipiell offen für ein veganes Leben sind. Eine Studie der britischen Universität von Durham lässt sich jedoch ein Zusammenhang zwischen Abschreckungsbildern und dem Kaufverhalten feststellen. Ähnlich wie bei Zigarettenschachteln, sollen Bilder von Zuständen in Einrichtungen wie Schlachthäusern nachweislich den Appetit auf Fleischprodukte verringern. Für die Studie wurden den Probanden Fotos von Gerichten mit Hinweisen wie „Warnung: Fleischessen trägt zum Klimawandel bei“ vorgelegt. Dies führte dazu, dass später bis zu zehn Prozent der Teilnehmenden weniger zu Fleischprodukten griffen als die Kontrollgruppe.

Aktivismus sorgt in jeglichen Bereichen für Diskussion und erzielt in erster Linie Aufmerksamkeit. Unterschiedliche Formen des Aktivismus und Arten der Kommunikation sind für verschiedene Menschen geeignet. Lauter, radikaler Veganismus löst primär Provokation aus und sorgt dafür, dass das Thema in den Diskurs gerät. Allerdings deuten Meinungen im Internet und Erfahrungsberichte veganer Aktivist:innen wie Tobi darauf hin, dass in der Regel durch eine Diskussion auf Augenhöhe und durch Aufklärung eher eine nachhaltige Verhaltensänderung angeregt wird.

Text: Luca Heinitz; Titelbild und Bilder: Tobi Neuschulte

<h3>Luca Heinitz</h3>

Luca Heinitz

ist im Jahr 2004 geboren und studiert Medienmanagement an der Hochschule Mittweida mit der Vertiefung Production. Seit 2026 ist Luca Teil der studentischen Redaktion medienMITTWEIDA.