Schlafparalyse

Wenn Wachsein zum Albtraum wird

von | 3. Juni 2022

Gefangen sein zwischen Bewusstsein und Schlaf, ohne entkommen zu können. Wie Schlafparalysen Betroffene in Angst und Schrecken versetzten.

„Er ist hier. Er wird dich töten. Er ist gleich bei dir.“ Das Flüstern der Stimme lässt mir das Blut in den Adern gefrieren und ich bin mir sicher, dass sie recht hat. Jemand ist in meiner Wohnung und er will mich umbringen. Ich will rennen, mich retten oder verstecken, aber mein Körper bewegt sich keinen Millimeter. Mit all meiner Willenskraft versuche ich zumindest meine Finger zu bewegen, doch nichts passiert. Ich bin wach, während mein Körper noch schläft. Ich bin gefangen.

Eine Schlafparalyse ist ein beängstigendes Erlebnis. Das musste ich, die Autorin dieses Artikels, schon am eigenen Leib erfahren. Betroffene wachen auf und sind geistig bei Bewusstsein, während ihr gelähmter Körper noch im Schlafzustand ist. Als ob das nicht schon erschreckend genug wäre, wird die Paralyse noch von Halluzinationen begleitet, die oft Szenen eines Horrorfilms gleichen. Dennoch ist die Schlafparalyse, auch Schlaflähmung genannt erstmal eine harmlose, wenn auch nicht ganz angenehme Schlafstörung und dauert in der Regel nur einige Sekunden, höchstens wenige Minuten, an.

Sie treten bei acht Prozent der Allgemeinbevölkerung auf, bei 28 Prozent der Studenten, 31 Prozent der psychisch Erkrankten und davon am häufigsten bei Angsterkrankung (34 Prozent). Typische Auslöser einer Schlafparalyse sind psychischer Stress, Schlafmangel oder auch Störungen im Schlaf-Wach-Rhythmus, wie zum Beispiel Schichtarbeit oder ein Jetlag. In seltenen Fällen kann auch die Schlafkrankheit “Narkolepsie” Grund für die Schlafstörung sein.

Wenn nur der Kopf aufwacht

Auf den Augenaufschlag folgt ein ohrenbetäubendes Piepen. Wie ein Tinnitus schrillt der Ton durch meinen Kopf.  Ein Blick durch mein Schlafzimmer verrät mir, dass es noch nachts oder sehr früh morgens sein muss. Irgendwas stimmt nicht. Sofort spüre ich ein beklemmendes Gefühl in meiner Brust – Angst. Dann höre ich eine Stimme, eine Warnung, die mir sagt, dass ich nicht allein bin. Ich will mich bewegen, aufstehen, das Licht einschalten. Es tut sich nichts. Egal wie sehr ich es versuche mich vom Fleck zu rühren, ich liege noch immer reglos in meinem Bett.

Wie kann es sein, dass ein sonst kerngesunder Mensch plötzlich keine Kontrolle mehr über seinen Körper hat? Dr. med. Helen Slawik hat medienMITTWEIDA die Hintergründe des Schlafphänomens verdeutlicht. Sie ist Co-Leiterin des Schlafmedizinischen Zentrums der Baseler Universitätskliniken im Standort Psychiatrie. Dr. Slawik ist Schlafmedizinerin und Fachärztin für Psychiatrie.

Dr. med. Helen Slawik, Bild: Dr. med. Helen Slawik

Der Ursprung für die Paralyse liegt in einer bestimmten Schlafphase, dem Traumschlaf oder auch REM-Schlaf genannt. In dieser Schlafphase sind die Skelettmuskeln des Körpers erschlafft. Daher kann man sich während des Träumens nicht bewegen. Wacht man allerdings genau in dieser Schlafphase auf, kann es zu einer Paralyse kommen. „Man ist dann sozusagen schon wach geworden, aber ein Teil des Traumschlafes, nämlich dieser fehlende Muskelturnus, ist noch da. Deswegen gibt es das häufiger beim Aufwachen“, erklärt Dr. Slawik.

Horrorfilm im eigenen Schlafzimmer

Sich nicht bewegen zu können, ist noch viel schlimmer, wenn man am liebsten flüchten würde. Denn in meiner Schlafparalyse bin ich nicht allein. Jemand steht im Türrahmen meines Schlafzimmers und schaut direkt in meine Richtung. Die fremde Gestalt wirkt düster und bedrohlich. Mit langsamen, lautlosen Schritten bewegt sie sich auf mich zu, mit dem Ziel mich zu töten. Zumindest sagt mir das eine innere Stimme, denn die Gestalt spricht nicht. In mir schwillt die Panik weiter an und Fragen kreisen in meinem Kopf. Wie ist die Person hier hereingekommen? Was will sie von mir? Warum ich? Die Halluzination wirkt erschreckend real.

Eindringlinge und dunkle Gestalten sind typische Halluzinationen bei Schlafparalysen, doch laut Dr. Slawik gibt es noch einige weitere: „Man sieht also was, was völlig absurd ist. Manche sehen auch ein Pferd neben dem Bett stehen. Also eher eben Eindringlinge, manche spüren auch einen Druck auf der Brust oder das Körperbewusstsein ändert sich, das heißt sie können plötzlich fliegen.“

Wie bei der Muskellähmung handelt es sich auch bei den Halluzinationen um Überbleibsel aus dem Traumschlaf. Diese Elemente überlappen in das Bewusstsein, wodurch Betroffene halluzinieren. Dabei unterscheidet man zwischen hypnopompen Halluzinationen, also Halluzinationen beim Einschlafen und hypnagogen Halluzinationen beim Aufwachen.

„Das ist nicht echt.“

Wie komme ich hier raus? Das ist wohl eine der ersten Fragen, die man sich stellt, wenn man in einer Schlafparalyse steckt. Auch ich suche verzweifelt nach einer Lösung, während ich noch immer reglos in meinem Bett liege. Die Gestalt kommt immer näher und wenn ich nicht schnellstens etwas machen kann, bin ich tot. Zumindest denke ich das. Doch dann kommt mir ein weiterer Gedanke: Das macht alles keinen Sinn. Es kann nicht echt sein. Also wiederhole ich gedanklich einen Satz immer und immer wieder, wie ein Mantra: „Das ist nicht echt.“ Die Gestalt kommt näher. „Das ist nicht echt.“ Noch ein Schritt. „Das ist nicht echt.“

Plötzlich kann ich mich wieder bewegen. Der Eindringling ist fort, das schrille Piepen in meinen Ohren verstummt. Ich atme durch, mache das Licht an und versuche zu verstehen, was gerade passiert ist. Meine Vorahnung wird von Doktor Google bestätigt, ich hatte gerade zum ersten Mal in meinem Leben eine Schlafparalyse.

Tatsächlich ist es ein richtiger Ansatz, wenn Betroffene sich bewusst machen, dass ihnen nichts passieren kann. Auch Dr. Slawik meint: „Das Beste ist tatsächlich zu registrieren, dass da nichts ist, dass man warten muss, bis es vorübergeht. Ich bin zwar gestresst, aber diese Situation muss mich ja nicht stressen, dann geht das eigentlich ganz gut wieder weg.“

Dem Horror entgehen

Aber wie beugt man der Schlaflähmung vor und sorgt dafür, dass sie gar nicht erst entsteht? Zunächst sollte man den Ursachen auf den Grund gehen und herausfinden, welcher typische Auslöser auf einen zutrifft. „Man sollte die Schlafhygiene optimieren und nicht zu viele Substanzen, wie Alkohol, Schlaftabletten oder ähnliches konsumieren, die so etwas auch beeinflussen können. Zudem sollte man schauen, was einen gerade stresst. Da natürlich auch mit dem Hausarzt oder Psychiater klären, ob ein psychisches Problem vorliegt, wenn man es nicht mehr als ein harmloses Phänomen abtun kann und es sich häuft. Was auch immer hilft, ist psychischen Stress zu reduzieren. Also Entspannungen, weil das auch zu sich selbst zurückführt. Auch Sport kann zur Entspannung beitragen“, erklärt Dr. Slawik.

Ein weiterer Aspekt für gesunden Schlaf ist der Chronotyp des Betroffenen, welcher beschreibt, wann ein Mensch am leistungsfähigsten ist. Dabei unterscheidet man zwischen Eulen, den Abendmenschen und Lerchen, den Morgenmenschen. Im Allgemeinen sollte man seinen Lebensrhythmus an den eigenen Chronotyp anpassen, um das Beste aus seiner Lebens- und Schlafqualität herauszuholen. „Wenn jemand in den Schlafmangel kommt, obwohl er zu üblichen Zeiten schläft, kann es sein, dass das nicht seinem natürlichen Schlafrhythmus entspricht. Wenn er eigentlich eine Nachteule ist oder ein extremer Morgenmensch, dann sollte man auch das nochmal hinterfragen. Passen diese Bettzeiten zu mir oder kann ich vielleicht da nochmal was verändern?“, so Dr. Slawik.

Nach meinem Chronotyp zu leben schaffe ich ganz gut. Da ist die Stressvermeidung doch um einiges schwieriger und lässt sich im Alltag nur bedingt umsetzen. Komplett komme ich daher um die Schlafparalysen nicht herum, aber sie sind weniger geworden und vor allem weniger intensiv. Sobald ich in einer Schlaflähmung aufwache, weiß ich mittlerweile sofort, was Sache ist und kann mich schneller befreien, indem ich mir bewusst mache, dass alles okay ist und ich nur ruhig bleiben muss. Manchmal gelingt es mir sogar, mit etwas Konzentration die Finger zu bewegen und so die Paralyse zu durchdringen. Auch die Halluzinationen sind weniger intensiv und beschränken sich auf wenige Sekunden. Mit mordlüsternen Eindringlingen im Schlafzimmer ist also erstmal Schluss.

Text, Titelbild : Carlotta Sieber, Bild im Beitrag: Dr. med. Helen Slawik

<h3>Carlotta Sieber</h3>

Carlotta Sieber

Carlotta Sieber ist 21 Jahre alt und studiert derzeit im 4. Semester Medienmanagement an der Hochschule Mittweida. Bei medienMITTWEIDA engagiert sie sich als Redakteurin, Assistenz des Gesellschaft-Ressorts und im Lektorat seit dem Sommersemester 2022.