Aidshilfe

„Das ist alles ganz normal“

von | 6. Januar 2023

Was macht eine Aidshilfe? Einen Tag lang begleitet medienMITTWEIDA eine Sozialarbeiterin im Landkreis Zwickau.

Inhaltswarnung: In der zweiten Hälfte des folgenden Textes wird ein HIV-Schnelltest beschrieben. Wenn ihr mit der Erwähnung von Blut nicht umgehen könnt, lest diesen Teil des Textes nicht oder nicht alleine.

Die Tische sind an den Rand geschoben, in der Mitte des Raumes ist ein Stuhlkreis aufgebaut. Auf dem Boden liegt ein buntes Tuch. Rundherum Broschüren und Flyer, darauf stehen Titel wie „Mädchen und Jungen.” „Menstruation.” „Du bist stark.“ 

Zwei große Dosen in Herzform ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Auf dem Gang wird es laut, Viertklässler stürmen ins Zimmer. Heute hat Isabell von der Aidshilfe Westsachsen ein Projekt in einer Grundschule. Das Thema: Pubertät und der eigene Körper.

Was macht eine Sozialarbeiterin der Aidshilfe?

Einen Arbeitstag lang begleite ich Isabell Dietzsch von der Aidshilfe in Zwickau. Ich kenne die Sozialarbeiterin seit ein paar Jahren und arbeite selbst ehrenamtlich in der Aidshilfe. Heute ist aber auch für mich alles neu. Größtenteils berät eine Aidshilfe bei Fragen oder Sorgen im Bereich HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen. Sie führen Tests durch, bieten Sozialberatung an und vermitteln an Fachstellen zur Schwerpunktbehandlung. Aber auch Präventionsarbeiten an Bildungseinrichtungen gehören zum Arbeitsalltag. Nicht immer geht es dabei um das Thema HIV, sondern oft auch um die Entwicklung des Körpers oder die Pubertät.

Wir treffen uns 7:30 Uhr an einer Grundschule im Landkreis Zwickau. Wie viele Schüler*innen bei Isabells heutigem Projekt dabei sind, weiß sie noch nicht. Wir tragen einen Koffer und eine Tasche voller Materialien in die Schule, melden uns am Sekretariat und werden von der Schulleiterin empfangen. Sie zeigt uns einen leeren Klassenraum, den wir für das Projekt vorbereiten. In die Mitte vom Stuhlkreis legen wir Flyer sowie eine kleine Schüssel, Stift und Papier für Fragen.

Im Stuhlkreis sitzen 18 Schüler*innen, die Stunde geht los. Auch die Schulleiterin und die Klassenlehrerin nehmen im hinteren Bereich des Raumes Platz. Ihre Anwesenheit macht Isabell etwas nervös, wie sie später erzählt: „Meistens sind die Lehrkräfte nicht dabei.“ Das soll dabei helfen, dass die Kinder sich weniger schämen und offener reden können. Eigentlich ist Isabell aber nicht mehr aufgeregt vor Unterrichtsstunden, vor allem nicht in Grundschulen. „Das ist sehr routiniert.“ Die Mitarbeitenden der Aidshilfe Westsachsen haben im Jahr 2021 etwa 100 Veranstaltungen zu sexueller Bildung und Prävention durchgeführt. Am größten sei die Nachfrage bei Grundschulen. „Man sollte früh anfangen, über Sexualität und Pubertät zu reden, dann haben Kinder weniger Scham, sie kennen ihre Rechte und lernen, was sie mögen und nicht mögen“, erklärt Isabell.

Die 25-jährige Isabell Dietzsch ist Sozialarbeiterin bei der Aidshilfe Westsachsen. Foto: Elisa Leimert

Gefühlswürfel und Klassenregeln

Zum Beginn gibt es eine Vorstellungsrunde. Dafür nutzt Isabell einen Gefühlswürfel, auf jeder Seite des Würfels ist eine andere Emotion abgebildet. Die Kinder sollen alle benennen. Isabell nimmt jedes Kind dran, das sich meldet. Der Würfel wird von Kind zu Kind geworfen, sie sollen ihren Namen sagen, wie sie sich gerade fühlen und etwas über sich erzählen. Alle arbeiten mit, sind konzentriert, aber auch aufgeregt. Isabell stellt sich zuletzt vor und erzählt, dass sie 25 Jahre alt ist, 2018 ein Praktikum bei der Aidshilfe gemacht hat, danach ehrenamtlich dort gearbeitet hat und seit zwei Jahren hauptamtlich angestellt ist. Ihr Studium erklärt sie den Viertklässlern so: „Ich habe Soziale Arbeit studiert, da lernt man, wie man Menschen helfen kann.“ Mir erzählt sie später noch: „Ich wollte eigentlich Bürokauffrau werden, habe aber keinen Ausbildungsplatz gefunden. Deshalb habe ich notgedrungen ein FSJ in einem Rehazentrum für Menschen mit psychischen Erkrankungen gemacht. Das hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich dann Soziale Arbeit studiert habe.“

Als Nächstes fragt Isabell, ob es in der Klasse bereits festgelegte Regeln zum Umgang miteinander gebe. Arme schießen in die Höhe. Die Kinder erzählen, dass sie nicht schreien oder jemanden hauen dürfen. Außerdem: Die Stopp-Regel –  wenn ein Kind beim Spielen Stopp sagt, muss das andere aufhören. Und: Wenn einer redet, sind alle anderen still. Isabell fügt weitere Wünsche hinzu. Am wichtigsten ist ihr, dass keine privaten Dinge aus dem Projekt nach außen weitererzählt werden. Auch für Isabell und mich gilt eine Schweigepflicht. Wenn uns ein Kind heute etwas Persönliches berichtet, dann werden wir darüber Schweigen bewahren, außer das Kind wünscht sich explizit etwas anderes.

Für das Projekt werden Wünsche und Regeln formuliert. Foto: Elisa Leimert

Kurz vor der ersten Pause erklärt Isabell noch, wie die nächste Übung ablaufen wird. Die Kinder sollen zuhören, denn nach der Pause muss ein*e Schüler*in nochmal wiederholen, wie die Übung funktioniert. Dann dürfen die Kinder noch die verschiedenen Broschüren durchlesen. Alle nehmen sich die Flyer und lesen sie aufmerksam durch. Isabell sagt mir begeistert, dass sie noch nie erlebt hat, dass alle sich Infomaterial nehmen.

„Was ist Vulva?“

Nach 15 Minuten Pause geht es weiter. Ein Kind wiederholt, was jetzt gemacht werden soll: Jede*r bekommt eine Karte mit einem Begriff zum übergreifenden Thema „Pubertät“. In Zweier-Paaren sollen die Kinder sich gegenseitig Buchstabe für Buchstabe ihr Wort auf den Rücken schreiben und herausfinden, was der Begriff ist. Während der Übung wird viel gemurmelt, manche Begriffe lösen Verwirrung aus. „Iiiiih, Penis.“ „Was ist Vulva?“ „Was bedeutet das?“

Nachdem alle fertig sind, fragt Isabell, wie es der Klasse mit der Übung ging. „Es hat Spaß gemacht“, antworten einige. „Manche Wörter waren eklig oder unverständlich“, sagen andere.  Also beginnt Isabell mit der Erklärung jedes einzelnen Begriffes. Uterus, Menstruation, Penis, Hoden, Freund*innenschaft, Geburt, Liebe, Pubertät, Erektion, Sexualitäten, Transgeschlechtlichkeit … Bei einigen Begriffen gibt es Gekicher, bei anderen ekeln sich die Kinder, durchweg überwiegt die Neugier und die Kinder haben viele Fragen. Einige schreiben anonym ihre Gedanken für die Fragen-Schüssel auf, die wir am Ende durchgehen werden.

Mit dem Begriff Konsens kann niemand etwas anfangen. Isabell erklärt, dass das „gegenseitiges Einverständnis“ bedeutet. Auch das versteht niemand, also macht Isabell das Konzept an mir deutlich. Sie fragt, ob sie mich am Rücken berühren darf, ich stimme zu. Damit habe ich ihr mein Einverständnis erteilt und sie darf mich anfassen. Hätte ich abgelehnt, dürfte sie das nicht. „Kinder haben Rechte. Ihr habt eine eigene Meinung, und die dürft ihr auch sagen. Ein Nein muss akzeptiert werden, jeder sollte seine eigenen Grenzen wahren und muss die Grenzen anderer annehmen“, macht Isabell deutlich.

Zur Veranschaulichung der inneren und äußeren Geschlechtsorgane hat Isabell Modelle aus Plüsch dabei. An denen erklärt sie zum Beispiel, wie die Eizelle durch Eileiter und Uterus wandert, wie die Befruchtung funktioniert und weshalb man während der Periode blutet. Auch praktische Tipps gibt Isabell den Kindern. Es geht um Körperhygiene, wie verschiedene Periodenprodukte funktionieren, woran man bei einer plötzlichen Erektion am besten denken sollte und was man machen kann, damit diese weggeht.

Die Begriffskarten werden in zusammengehörenden Gruppen auf den Boden gelegt. Foto: Elisa Leimert

„Was ist in den Herzdosen?“

Je mehr wir uns dem Ende der Stunde nähern, umso lauter wird die Klasse. Isabell muss häufiger Ruhe schaffen. Sie liest die Fragen aus der Schüssel vor und erklärt nochmal das Wort Konsens. „Wenn man angefasst wird, obwohl man das nicht will, muss man sich Hilfe holen“, erklärt sie. Ganz wichtig sei es, dass die Kinder direkt auf Personen zugehen und diese um Hilfe fragen.

„Was ist in den Herzdosen?“ Die Kinder werden immer unruhiger. Zuerst gibt es aber noch eine Feedback-Runde, alle dürfen sagen, wie es ihnen gefallen hat: interessant, peinlich, lustig, komisch, schön. Das letzte Kind in der Runde sagt: „Das ist alles eigentlich ganz normal.“ Dann werden endlich die Dosen geöffnet, für jede*n gibt es eine Süßigkeit und einen Radiergummi. Die Lehrkräfte fordern die Klasse auf, sich zu bedanken und schon verschwinden alle aus dem Zimmer. 11:30 Uhr räumen wir auf und sprechen über den weiteren Tagesablauf. Isabell wird mir zeigen, wie ein Beratungsgespräch abläuft und hat noch Büro-Aufgaben zu erledigen.

Inhaltswarnung: Nachfolgend wird ein HIV-Schnelltest beschrieben. Wenn ihr mit der Erwähnung von Blut nicht umgehen könnt, lest diesen Teil des Textes nicht oder nicht alleine.

Auf zum HIV-Test!

Nach 20 Minuten Autofahrt treffen wir uns im Büro der Aidshilfe Westsachsen im Zentrum Zwickaus wieder und machen Mittagspause. Während die Heizung den Beratungsraum aufwärmt, bereitet Isabell die Materialien für das nächste Schulprojekt vor. Dann setzen wir uns in den kleinen Beratungsraum an einen Tisch mit drei Stühlen. Überall sind Pflanzen. An der Wand steht ein Schrank, darauf medizinisches Material.

Während der Beratungszeit können Menschen in die Aidshilfe Westsachsen kommen und mit den Fachkräften über verschiedene Themen sprechen. Die meisten kommen, um einen HIV-Test zu machen. Oft sind das Menschen, die ungeschützten Geschlechtsverkehr hatten und sichergehen wollen. Zahlen und Fakten zum HI-Virus sowie Erfahrungen eines Betroffenen hat medienMITTWEIDA 2019 veröffentlicht.

Wenn jemand bei Isabell einen Termin zum Test hat, bietet sie an, neben dem HIV-Schnelltest noch auf Hepatitis C und Syphilis zu testen. Auch ein Abstrich oder Urintest zur Testung auf Chlamydien und Tripper ist möglich – das gesamte Angebot ist kostenlos und anonym.

Zuerst fragt Isabell nach der Art des Risikokontaktes und klärt auf, falls mit dem genannten Kontakt keine Ansteckungsgefahr besteht – beispielsweise wenn eine Person nach einem bloßen Händeschütteln Angst vor einer Ansteckung hat. Für Isabell ist die Frage nach dem Risikokontakt sehr persönlich. „Ich würde niemanden abweisen, weil der Kontakt nicht gegeben ist. Es macht die Sorge ja nicht weg, da brauchen die Menschen einfach die Bestätigung. Und es ist auch nie falsch, sich regelmäßig testen zu lassen.“

Dann klärt sie die Person auf, dass ein Schnelltest erst nach zwölf Wochen ein sicheres Ergebnis liefern kann. Und auch dann ist keine 100-prozentige Sicherheit gegeben, da die Tests unter klinischen Bedingungen getestet werden und somit laut Hersteller eine 99,9-prozentige Sicherheit aufweisen. „Die Tests sind aber eher falsch positiv als falsch negativ“, so Isabell. Die Aidshilfe stellt keine Diagnose. Die Schnelltests liefern nur ein Indiz, bei einem positiven Ergebnis wird für einen Bestätigungstest an einen Schwerpunkt-Behandler verwiesen.

Mehr Bewusstsein für sexuell übertragbare Infektionen

Schon seit einigen Jahren gab es bei der Aidshilfe Westsachsen keine positiven Tests mehr. Meist fällt eine Infektion eher bei Blutabnahmen, zum Beispiel beim Hausarzt, bei Schwangeren oder beim Spenden auf. „Viele sexuell übertragbaren Infektionen haben keine Symptome. Ich fände es schön, wenn es ein Bewusstsein dafür gibt, dass man sich testen lassen kann. Eigentlich einmal im Jahr“, sagt Isabell. Auch sie selbst testet sich regelmäßig, so wie heute.

Die Vorbereitung für HIV-, Hepatitis-C- und Syphilis-Schnelltests. Foto: Elisa Leimert

Isabell bereitet drei Testkits vor. Die erinnern an Covid-Schnelltests, mit dem Unterschied, dass für HIV, Hepatitis C und Syphilis mit einem Blutstropfen getestet wird. Isabell fährt mit dem Test fort und sagt: „Bei einer Beratung würde ich als Nächstes darum bitten, die Hände zu waschen und zu desinfizieren.“ Dann soll die zu testende Person Fingerübungen machen, damit die Finger gut durchblutet sind. Anschließend folgt ein kleiner Stich, häufig in den Mittelfinger der Hand, die mehr genutzt wird. Das Blut wird auf die Testkassette aufgetragen. „Um Stille zu vermeiden, sage ich währenddessen meistens sowas wie: Das funktioniert sehr gut!“, sagt Isabell lachend.

Nachdem Isabell ein Pflaster auf ihren Finger gemacht und den anfallenden Müll nach Plastik und Sondermüll getrennt hat, tropft sie Pufferlösung auf die Testkassette. Dann müssen wir 15 Minuten warten. Es breitet sich Stille aus. „Ich lege die Testkassetten dann meistens auf die Seite, damit man nicht nervös darauf schaut. In der Wartezeit berate ich die Personen oder versuche, sie abzulenken.“

Was, wenn der Test positiv ist?

Auch wir überbrücken die Wartezeit mit Reden. Selbst wenn Isabell noch nie einen positiven Test erlebt hat, stellt sie sich vor, dass das ein ganz schöner Schock wäre. „Aber es gibt verschiedene Medikamente dafür, der Arzt empfiehlt dann eins und das nimmt man. Und Positive haben die gleiche Lebenserwartung wie jeder andere Mensch.“ Ihre Aufgabe als Sozialarbeiterin ist es, in diesen Situationen die Fassung zu bewahren und sich um die Person zu kümmern.

Isabell erzählt mir, dass die Aidshilfe positive Klient*innen begleitet. Diese kommen zur Sozialberatung oder wenn sie Probleme mit der Finanzierung ihres Lebens haben. „Bis 2021 konnte Geld über die Deutsche AIDS-Stiftung beantragt werden. Jetzt werden keine Einzelpersonen, sondern nur noch Projekte gefördert“, berichtet Isabell. Auf der Website der Stiftung gibt es Informationen, dass Menschen in Notlage einmalige Unterstützung erhalten können.  

Nach einer Viertelstunde ist endlich das Ergebnis da: negativ. Nun steht noch etwas Büroarbeit für Isabell an. Rückblickend auf den Tag ist Isabell zufrieden mit der Unterrichtsstunde von heute Vormittag. Nächste Woche geht es für sie zurück in die Grundschule, dann dürfen die Parallelklassen neugierig sein, Fragen stellen und viel über sich selbst lernen.

Text, Titelbild und Fotos: Elisa Leimert

<h3>Elisa Leimert</h3>

Elisa Leimert

ist 22 Jahre alt und studiert derzeit im dritten Semester Medienmanagement an der Hochschule Mittweida. Bei medienMITTWEIDA engagiert sie sich im Ressort Campus seit dem Wintersemester 2022/23.