Staatenlosigkeit

Die verstoßenen Kinder unserer Welt

von | 13. Januar 2023

Ich bin auch ein Mensch. Sogar ein Tier hat einen Reisepass und ich habe nie sowas in meinem Leben gehabt.

Es ist ein grauer deutscher Morgen. So einer, der sich wie jeder andere Morgen anfühlt. Samis Frau liegt seit zehn Tagen im Koma. Zu groß war der Stress und die Angst vor der Abschiebung. Nach monatelangen Suizidgedanken durch die Sorge vor der erneuten Trennung von ihrem Mann und den Kindern, ist sie einfach zusammengebrochen. Sami hat die Hoffnung aufgegeben. Zehn ganze Tage ist sie schon im Koma, da wird ihr Puls auf einmal schneller. Samis Frau kommt langsam wieder zu sich. Ein Wunder! Seine Gebete wurden erhört, seine Frau lebt! Doch die Freude ist nicht von langer Dauer, denn die Probleme, die sie in diese Situation gebracht haben, sind immer noch da.

Staatenlosigkeit

Er darf keinen Führerschein machen, arbeiten gehen, hat kein Recht zu wählen und ist damit vom politischen und gesellschaftlichen Leben komplett ausgeschlossen. Was sich wie eine Geschichte aus dem frühen 20. Jahrhundert anhört, ist für Sami Bekir immer noch eine erschreckende Realität. Der 42-Jährige kämpft jeden Tag mit den Folgen seiner Staatenlosigkeit. Für medienMITTWEIDA verrät er uns mehr über sein außergewöhnliches Leben. (Anmerkung der Redaktion: Im Sinne der Lesbarkeit wurde die Grammatik angepasst)

Stell dich doch bitte einmal vor

Sami: Ich heiße Sami Bekir und komme aus Mazedonien. Ich bin Vater von sieben Kindern, beruflich Mechaniker und Tischler. Also eine Ausbildung oder sowas habe ich nicht. Aber ich habe noch viel mehr Arbeitserfahrung. Ich habe einen eigenen Schrottplatz gehabt, also ich habe viele Berufe. Ich arbeite seit meiner Kindheit, seit ich 13 Jahre alt bin. Ich habe LKW gefahren und damit Geld verdient, Schule und Arbeit zusammen. Ich habe mich um meine Familie gekümmert.

Was ist Staatenlosigkeit?

Staatenlosigkeit ist die Nichtzugehörigkeit zu einem Nationalstaat. Es ist eine Anomalie und im gedanklichen Konstrukt von Staatsangehörigkeit nicht vorgesehen. Staatenlosigkeit ist ein Phänomen des 20. Jahrhunderts. Durch die territorialen Veränderungen und Machtwechsel im Zuge des Ersten und Zweiten Weltkrieges kam es vielerorts zu Fehlern bei der Registrierung der Menschen. Außerdem wurde vielen Juden im Zuge der Diskriminierung in der NS- Zeit die Staatsbürgerschaft nachhaltig entzogen. Die UNO schätzt die Zahl auf etwa 4 Millionen weltweit, jedoch ist das eine sehr ungenaue Schätzung, da Staatenlose nicht registriert sind.

Wie bist du aufgewachsen?

Sami: Ich habe in Mazedonien mit meinem Vater und mit meiner Geschwister gelebt. Wir haben sehr, sehr gute Arbeit geleistet, haben sehr, sehr gutes Geld verdient. Mein Vater und wir haben schon eine richtig großen Schrottplatz gehabt. Da sage ich mal Tonnen und Tonnen Stahl oder Kabel oder Aluminium. Da haben wir jede Woche fast 100 oder 200 Tonnen verkauft. Das ist also eine große Summe Geld und wir haben alle möglichen Sachen gehabt. Ich kann nicht sagen, dass wir kein gutes Leben hatten oder zu wenig Geld, nein, das war alles perfekt. Aber was fehlte war, dass wir keine Ruhe vor unserem Heimatland und der mazedonischen Polizei hatten. Wir haben keine Ruhe vor diesen Menschen gehabt und konnten nicht normal leben. Ich arbeite seit meiner Kindheit und ich habe nie ein Sozialgeld gekriegt. Außer hier in Deutschland, weil ich nicht arbeiten darf.

Wie kam es zu deiner Staatenlosigkeit?

Sami: Ich habe, bis ich 16 Jahre alt war, überhaupt nicht gewusst, dass ich staatenlos bin. Das war zwischen 1994 oder 1995 so. Ich bin ungefähr 16 oder 17 fast gewesen. Da musste ich mir einen Ausweis beantragen. Dann bin ich also zum Einwohnermeldeamt gegangen, habe meine Geburtsurkunde und mein Passbild mitgenommen. Am Schalter meinte der Mann: „Ja, kein Problem„, ich habe also mein Foto und meine Geburtsurkunde gegeben und die sagten: „Ja, okay, es tut mir leid, aber sie können nicht den Ausweis bekommen.“ Ich war natürlich komplett schockiert und habe mich gefragt, was mache ich denn jetzt? Der Mann sagte: „Ja, okay, du musst jetzt mit deinem Vater die Sache klären.“ Wie konnte das passieren? Und ich bin wieder zurück nach Hause gegangen und habe mit meinem Vater darüber geredet. Ich habe gesagt: „Papa, ich bin gerade zum Bürgeramt gegangen und die meinten, dass wir keine Ausweise bekommen, nicht mal du, nicht mal ich.”

Warum ist Sami staatenlos?

Experte zum Thema Staatenlosigkeit ist Jörg Eichler. Er ist seit mehr als fünf Jahren Mitarbeiter im deutschen Flüchtlingsrat. 2015 traf er das erste Mal auf Sami Bekir und ist mit seiner Lebensgeschichte bestens vertraut. Laut ihm ist die Staatenlosigkeit bei Sami kein Einzelfall. Ihre Wurzeln hat die Familie in Jugoslawien, einem ehemaligen Vielvölkerstaat, der nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer sozialistischen föderativen Volksrepublik wurde. Jugoslawien umspannte damals das Gebiet der heutigen Länder Kroatien, Serbien, Kosovo, Slowenien, Nordmazedonien, Bosnien und Herzegowina und Montenegro. Durch eine wirtschaftliche Krise und innere Konflikte zwischen den verschiedenen ethnischen Bevölkerungsgruppen entwickelte sich der Jugoslawienkrieg. In diesem kämpften die verschiedenen Länder in Jugoslawien um ihre Unabhängigkeit. Im Kosovo wird dieser Kampf zum Teil noch bis heute weitergeführt. Durch die Aufteilung des Staatsgebietes haben einige Jugoslawen, welche sich nicht registriert haben, ihre Staatsbürgerschaft verloren. Samis Vater war einer von ihnen.

Julie Ricard: Flüchtlingslager in Griechenland (Symbolbild) https://unsplash.com/de/fotos/MX0erXb3Mms

Welches einschneidenden Erlebnisse hast du mit der Staatenlosigkeit gemacht?

Sami: Ich hatte schon vor 2000 viele Probleme. In Mazedonien bin ich ohne Führerschein LKW gefahren. Ich durfte ja keinen machen, aber irgendetwas musste ich ja arbeiten. Ich wurde immer mal von der Polizei angehalten, meistens konnte ich sie mit ein bisschen Geld besänftigen. So war das damals. Eines Morgens kam dann ein Brief vom Gericht, dass ich ins Gefängnis muss. 28 Tage wegen Autofahren ohne Erlaubnis. ​​Ich habe mir alles vorbereitet. Ein paar Sachen gepackt, eine Stange Zigaretten und ein bisschen Essen. Während der Busfahrt habe mich mental darauf vorbereitet, die 28 Tage abzusitzen und dann wieder freizukommen. Als ich dort ankam, ging ich zum Schalter und gab meinen Brief und die Papiere ab. Doch der Mann am Schalter schaute mich komisch an, fragte mich, wo ich herkomme und wo ich geboren sei. Er sagte mir, dass er mich ohne Papiere nicht ins Gefängnis stecken kann und dass ich wieder nach Hause gehen soll. Mein Vater war sauer auf dieses Land, er wollte immer alles richtig machen und keinen Stress mit den Behörden.

In Bosnien ist mein Vater gestorben und wir konnten ihn nicht mal begraben, weil er keine Dokumente hatte. Wir haben gewartet, gebetet, wir wollten Geld bezahlen, dass wir einen Platz kriegen. Dass wir ihn einfach vergraben können. Von den bosnischen Behörden hieß es immer nur: „Ihr gehört nicht zu unser Land. Ihr habt keine Beweise, dass ihr hier bleibt.” Das ist kompletter Hass. Wir sind alles Menschen auf dieser Welt. Ich bin nicht von Mars runtergekommen. Ich bin auch irgendwo geboren. Ich bin auch ein Mensch. Ich bin kein Tier, Tiere haben Haus und Wohnung, so etwas. Sogar ein Tier hat einen Reisepass und ich habe nie sowas in meinem Leben gehabt. 

Was hat dir in schweren Zeiten Kraft gegeben?

Sami: Ich kämpfe, wie gesagt, seit 30 Jahren und Kraft gibt mir das, dass ich immer ein korrekter Mensch bin, dass ich weiß, ich gehöre auch irgendwo hin. Ich habe meinen Vater zwischen diese Dingen verloren. Meine Mutter ist 67 Jahre alt und auch sehr krank. Mein Vater ist jung gestorben, mit 53, verstehen Sie? Mein Vater hat immer gesagt: „Wir gehören auch irgendwo hin. Hauptsache ist, wir sind nicht vom  Mars runtergekommen und dafür, wenn ich das weiß, kämpfe ich immer weiter. Hauptsache ich bekomme irgendwann Recht. Ich bin so dankbar, dass ich Unterstützung habe. Das ist meine Familie. Meine Familie oder eine korrekte Mensch redet mit dir offen und ehrlich. Da muss man keine Angst haben. Ich habe echt mit vielen korrekte Leute Kontakt. Ich bin sehr dankbar dafür. Das ist alles.

Was bedeutet für dich Heimat?

Sami: Heimat ist Freiheit für mich. Das Gefühl, keine Heimat zu haben, ist als würdest du immer geschubst werden. Wie ein Hund im Käfig. Einen Ort zu haben, an dem man akzeptiert und frei ist, das ist Heimat. Heimat bedeutet Freiheit, dass du ein normales Leben führst. Mehr brauchst du nicht.

Was macht Sami jetzt?

Seit seiner illegalen Einwanderung nach Deutschland 2015 hat er mit seiner Familie Asyl beantragt, doch lebt bis heute in ständiger Angst vor einer plötzlichen Abschiebung. Der Druck auf die Familie ist so groß, dass seine Frau schon in die Psychiatrie eingewiesen werden musste. Er sagte, dass dieser Dauerstress auch die Todesursache seines Vaters sei, der mit 53 Jahren an einem geplatzten Herzgefäß unerwartet starb. In seinem Kampf um die Staatsbürgerschaft und das langfristige Aufenthaltsrecht in Deutschland unterstützt ihn Jörg Eichler und andere Helfer, die von Samis Geschichte zutiefst berührt sind. Laut ihm ist die Lage eines Staatenlosen in Europa immer noch sehr ungerecht. Es gibt zwar laut der Genfer Flüchtlingskonvention eigentlich das Recht eines Staatenlosen auf Ausweis

Text: David Barsch, Titelbild: Unsplash: https://unsplash.com/photos/htQznS-Rx7w

<h3>David Barsch</h3>

David Barsch

ist 20 Jahre alt und studiert im 3. Semester Medienmanagement in der Hochschulstadt Mittweida.