Früher Morgen in Mittweida. Das erste Tageslicht fällt in die Einzimmerwohnung. Amalia ist schon wach. Die Laufschuhe stehen bereit – doch der Start in den Tag stockt. Auf dem Laptopbildschirm blinkt der Cursor auf einer fast leeren Seite. Eigentlich wollte sie nur schnell die Vorlesung von gestern zusammenfassen. Doch es geht nicht. In ihrem Kopf kreisen die Gedanken. Es ist das Karussell, das sich unaufhörlich um Kalorien und den eigenen Körper dreht. Amalia hat eine Essstörung. Aber sie hat einen Entschluss gefasst, der Mut erfordert: Sie will nicht mehr allein kämpfen.
Hinweis: Der Name der Protagonistin und ihres Partners wurden zum Schutz ihrer Privatsphäre geändert.
Seit fast einem Jahr schon bestimmt die Krankheit den Alltag der 21-Jährigen. „Im August letzten Jahres habe ich angefangen, zu realisieren: Ja, jetzt brauche ich Hilfe“, erinnert sie sich im Gespräch mit medienMITTWEIDA. Doch der Weg zum Therapieplatz entpuppt sich als Daueraufgabe, für die ihr die Kraft fehlt. Zwischen Telefonaten, die ins Leere führen, und wachsender Hoffnungslosigkeit entwickelt sich eine Odyssee, die ein halbes Jahr andauern soll.
Die Überwindung
Amalia scrollte durch die Suchergebnisse auf ihrem Handy. Statt auf übersichtlichen Websites landete sie oft nur auf veralteten Sammelseiten. Festnetznummern statt Emailadressen, kleine Sprechzeitfenster statt Online-Termintools. „Für jemanden, dem es sowieso schwerfällt, Hilfe anzunehmen, ist ein Anruf eine riesige Überwindung“, erklärt sie. Als sie damals all ihre Kraft bündelte, hörte sie das monotone Piepen des Wählvorgangs. Doch als am anderen Ende der Leitung endlich eine Stimme zu hören war, schwand Amalias Hoffnung sofort wieder – denn unter dieser Nummer gibt es für sie keine Hilfe.
„Es war extrem schwierig, überhaupt jemanden in meiner Gegend zu finden“, sagt Amalia. Sie wohnt auf dem Land, die nächste Großstadt, Leipzig, ist eine Stunde Zugfahrt entfernt. Dazu kommt: Amalia musste nicht nur irgendeine Therapiepraxis mit Kapazität finden, sondern eine mit Kassenzulassung, die zusätzlich auf Essstörungen spezialisiert ist.
Was bedeutet „Kassenzulassung“?
Nur Therapeut:innen mit einem sogennanten „Kassensitz“ dürfen direkt mit den gesetzlichen Krankenkassen abrechnen. Wer keinen solchen Sitz hat, darf in der Regel nur Privatversicherte und Selbstzahlende behandeln. Da die Plätze staatlich limitiert sind, gibt es weit mehr qualifizierte Therapeut:innen als zugelassene Kassenpraxen.
Das System: scheinbar zu wenig Therapieplätze
Laut der Kassenärztlichen Bundesvereinigung nehmen 39.197 psychologische Psychotherapeut:innen an der kassenärztlichen Versorgung teil. Die Verteilung der Praxen ist jedoch ungleich:
Die Ursache liegt in der sogenannten „Bedarfsplanung“. Diese wurde 1999 erstmals durchgeführt. Damals wurde der Ist-Zustand an Therapeut:innen als „Bedarf“ festgeschrieben. Besonders in Ostdeutschland und ländlichen Regionen waren die Strukturen noch kaum entwickelt – ein niedriger Stand, der bis heute gesetzlich zementiert ist.
Was ist die „Bedarfsplanung“?
Auch wenn im Jahr 2025 Heidelberg die Stadt mit der höchsten Psycholog:innen-Dichte war, so bedeutet dies nicht, dass dort die Suche nach einem Therapieplatz weniger mental erschöpfend ist. Bettina Grande, Psychologische Psychotherapeutin mit Kassensitz, beschreibt die Lage vor Ort gegenüber dem Südwestrundfunk (SWR) wie folgt:
Anrufbeantworter und Postfach sind voller Anfragen von Menschen, die sich in akuten Krisen befinden, in großer Verzweiflung sind und oft nur eine einzige Frage haben: ‚Darf ich wenigstens auf eine Warteliste?‘.
Wenn das Umfeld übernehmen muss
Nach unzähligen erfolglosen Versuchen und dem Gefühl, gegen verschlossene Türen zu rennen, gab Amalia vorerst auf. Sie versuchte sich einzureden: „Ja, du kriegst es irgendwie allein hin.“
Doch ganz allein wollte und konnte sie es nicht. Um die Wartezeit – welche für sie unendlich schien – zu überbrücken, suchte sie Zuflucht in einer Selbsthilfegruppe. Über ein paar Monate hinweg traf sie sich montags zum Videochat. Die anderen Gruppenmitglieder seien aber alle an einem anderen Punkt ihrer Genesung gewesen, „und ich war aber halt so mittendrin, noch total am Anfang, und es ist da auch gerade immer schlimmer geworden.“
Auch ihr langjähriger Partner Bob erkannte, dass Amalias Kräfte sie immer mehr im Stich ließen. Je dringender seine Partnerin die Hilfe benötigte, desto weniger war sie in der Lage, danach zu greifen. „Desto mehr hat diese Seite in mir gegen die Hilfe gekämpft“, erinnert sie sich heute. Bob akzeptierte ihre Resignation nicht. Ab Januar übernahm er die Suche. „Er hat sich wirklich an jedem Strohhalm festgehalten. Er hat wirklich jede Nummer angerufen, jede Email-Adresse angeschrieben, die er finden konnte.“ Seine Anrufliste wurde länger und länger, doch eine Zusage zum freien Therapieplatz blieb aus – für Monate.
Weniger Geld, weniger Therapie?
Laut Daten der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) beträgt die durchschnittliche Wartezeit – die Zeit zwischen Erstgespräch und Therapiebeginn – bundesweit knapp 5 Monate (142 Tage). Alkomeit Hasan, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uni Augsburg, erklärte gegenüber ZDFheute, es gebe vor allem ein strukturelles Problem, Hilfesuchende und die zur Verfügung stehenden Plätze zusammenzubringen.
Was passiert beim Erstgespräch?
Verschärft wird die Situation durch die prekäre Lage der Praxen selbst. Während die Nachfrage nach Psychotherapie weiter steigt, soll es künftig weniger Geld für die ambulante Versorgung gesetzlich Versicherter geben. Am 11. März 2026 beschloss der Erweiterte Bewertungsausschuss eine Honorarkürzung von 4,5 Prozent, welche ab 1. April 2026 gilt.
„Erweiterter Bewertungsausschuss“ – was ist das?
Gleichzeitig wurde entschieden, die Strukturzuschläge für Personalkosten rückwirkend zum 1. Januar 2026 um 14,5 Prozent zu erhöhen. Daraus ergebe sich laut GKV-Spitzenverband eine effektive Honorarkürzung von 2,3 Prozent. Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) widerspricht dieser Kalkulation: Nach ihren Berechnungen belaufe sich das Minus selbst für Praxen, die diese Zuschläge in voller Höhe bekommen, auf fast drei Prozent.
In den Verhandlungen hatten die Krankenkassen ursprünglich eine Kürzung von zehn Prozent gefordert. Der GKV-Spitzenverbund argumentiert, die Honorare seien seit 2013 stark gestiegen – im Vergleich zu anderen Facharztgruppen unverhältnismäßig. Doch laut BPtK sehe die Realität anders aus: Eine psychotherapeutische Praxis erwirtschafte nach Abzug aller Kosten nur etwa 52 Euro pro Arbeitsstunde. Nur die Hälfte dessen, was eine Hausarztpraxis erziele.
Wie groß die finanzielle Kluft ist, verdeutlicht der Blick auf den Reinertrag:
Ob der Beschluss dauerhaft Bestand haben wird, ist allerdings noch offen. Ursprünglich hatte das Bundesministrium für Gesundheit (BMG) bis zum 16. März Zeit, die Rechtmäßigkeit der Kürzung zu prüfen. Auf Nachfrage des Deutschen Ärzteblattes teilte das BMG mit, dass diese Frist bis zum 31. März verlängert worden sei.
Die KBV reichte Klage gegen die „massiven Kürzungen“ ein. Auch bundesweit regt sich seit Bekanntgabe des Beschlusses Protest – in Form von Demonstrationen und Petitionen. Eine dieser Petitionen wurde von der Psychotherapeutin Johanna Alisa Jung ins Leben gerufen und mittlerweile von mehr als 600.000 Menschen unterschrieben. In ihrer Petitionsbegründung appelliert sie:
„Eine Abwertung der zentralen Behandlungsleistung der ambulanten Psychotherapie […] gefährdet langfristig die Versorgung psychisch erkrankter Menschen. Psychotherapie verhindert Chronifizierung, reduziert Arbeitsunfähigkeit und entlastet langfristig das Gesundheitssystem. Eine Gesundheitspolitik, die psychische Erkrankungen ernst nimmt, darf diese Versorgung nicht schwächen.“
Funktionieren während des Überlebenskampfes
Das lange Warten auf Hilfe hinterließ Spuren in Amalias Studium. Verpasste Vorlesungen, abgesagte Treffen mit Freund:innen und heruntergeschraubte Erwartungen an sich selbst. „Es ging primär einfach darum, zu überleben“, stellt sie nüchtern klar. Der Druck, an der Hochschule „funktionieren“ zu müssen, während sie morgens kaum die Kraft zum Aufstehen fand, war für Amalia kaum auszuhalten. Dass ihre Hausärztin anfangs eine Wartezeit von einem Jahr prophezeite, fühlte sich an wie ein Schlag ins Gesicht. Denn sie ist überzeugt: „Nach einem Jahr könnte es schon zu spät sein.“
Die richtige Nummer zur richtigen Zeit
Ende März machte Bob schließlich den entscheidenden Anruf. Über drei Ecken erfuhr er von einer neu öffnenden Praxis. Die Therapeutin war noch nicht im Internet gelistet, hatte keine Website, keine öffentliche Nummer. Es war die richtige Information zur richtigen Zeit. „Vier Tage später hatte ich einen Termin“, erzählt Amalia. Dass es plötzlich so schnell ging, überrumpelte sie – doch im nächsten Moment löste sich die enorme Anspannung der letzten Monate und sie konnte endlich aufatmen.
In die Erleichterung mischte sich jedoch eine bittere Erkenntnis: Wäre Bob nur einen Monat später auf diesen Kontakt gestoßen, wären alle Plätze wahrscheinlich belegt gewesen. „Man fühlt sich im Stich gelassen von der Welt“, resümiert Amalia. Das System vermittle einem das Gefühl, erst „kurz vorm Tod“ sein zu müssen, um wirklich Hilfe zu erhalten.
Nicht (mehr) ohne Hilfe
Amalia weiß, sie genießt ein Privileg, das viele nicht haben: eine Person an ihrer Seite, die für sie kämpft und nicht aufgibt. „Ich wüsste nicht, wo ich jetzt wäre ohne ihn. Er hat mich nach vorne geschoben, als ich mich selbst schon aufgegeben hatte.“
Amalia ist nun auf dem Weg der Genesung – mit „professioneller Hilfe im Rücken“. Ein für sie bestärkendes Gefühl. Doch es bleibt die Frustration über ein System, in dem Glück über Gesundheit zu bestimmen scheint.
Amalias wichtigster Tipp an alle Hilfesuchenden:
Sucht euch Leute, die euch unterstützen und motivieren. Versucht wirklich nicht, das alleine durchzumachen!
Service: Erste Hilfe bei der Therapiesuche
Mental Health First Aid (MHFA) an der HSMW
Die Hochschule bietet geschulte Ersthelfer:innen für mentale Gesundheit. Sie sind für dich da – für Gespräche über gesundheitliche Herausforderungen und dein mentales Wohlbefinden. Außerdem begleiten sie dich zu weiteren Beratungsstellen.
Kassenärztlicher Terminservice (116 117)
Rufe die 116 117 an oder nutze die Website/App. Die Terminservicestelle ist gesetzlich dazu verpflichtet, dir innerhalb von vier Wochen ein Erstgespräch zur Diagnostik zu vermitteln.
Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA)
Das sind zertifizierte Online-Programme – „Apps auf Rezept“, die dich im selbstständigen Umgang mit der Erkrankung im Alltag anleiten. Sie sind kein Ersatz für eine professinelle Behandlung, aber können vor, während oder nach der Psychotherapie hilfreich sein.
Wichtig zu wissen: Voraussetzung ist eine eindeutige Diagnose. In Bezug auf Essstörungen sind DiGAs aktuell (Stand 2026) für Bulimie und Binge-Eating.Störungen zugelassen. Für Anorexie (Magersucht) gibt es jedoch andere Online-Angebote, welche mit behandelnden Ärzten in Anspruch genommen werden können.
Selbsthilfegruppen
Der moderierte Austausch mit anderen Betroffenen kann gegen soziale Isolation helfen und praktische Lebenshilfe leisten – ersetzt aber ebenfalls keine Therapie.
Weitere konkrete Tipps, speziell in Bezug auf Essstörungen, findest du beim Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit.
