Dossier zum Thema Social Media
Autor:innen:
Loreen Pohl
Alexander Kalin
Felix Zahm
Immer mehr junge Menschen wenden sich von Instagram, TikTok und Co. ab. Nach Jahren des permanenten Scrollens zeigt sich ein klarer Trend: weniger Nutzung und mehr Erschöpfung. Eine Generation, die beginnt, ihre Beziehung zu digitalen Reizen zu hinterfragen. Zwei Studierende aus Mittweida zeigen, wie unterschiedlich der Alltag mit und ohne Social Media aussehen kann – und was der ständige Dopaminrausch wirklich hinterlässt.
Es ist acht Uhr morgens im Studentenwohnheim Mittweida – Paul (Name zum Schutz der Privatsphäre geändert) schaltet seinen Wecker aus. Erstmal wach werden: Augenreiben, Körper strecken und drei Dinge aufzählen, für die er dankbar ist. Vorhänge auf, Zähne putzen und fünf Minuten vor die Tür und die frische Morgenluft einatmen. Frühstücken, den Tag planen und… und wann schaut er endlich auf Instagram, ob ihm jemand ein lustiges Reel gesendet hat? Gar nicht, denn Paul hat sich vor einigen Monaten entschieden alle sozialen Medien zu löschen – und damit ist er nicht alleine.
Von 2014 bis 2022 verbrachten Menschen am Tag zunehmend mehr Zeit auf Social Media. Ab 2022 begann jedoch ein Abwärtstrend. Der tägliche Konsum von Menschen ab 16 lag im Jahre 2024 somit bei durchschnittlich zwei Stunden und 20 Minuten. Zwei Jahre zuvor waren es noch 30 Minuten mehr. Das hat das Analyseunternehmen GWI bei einer Befragung von 250.000 Erwachsenen aus 50 Ländern herausgefunden. Am stärksten verringerte sich der Konsum bei 16 – 24 Jährigen – die Generation „durchgehend online”. Doch was sind die Gründe für den Rückgang?
Die Nutzungsdauer verschiedener Altersgruppen von Social Media in Deutschland im Vergleich, Grafik: medienMITTWEIDA, Quelle: ARD/ZDF Medienstudie 2025
Diagnose: Gehirnfäule
Brain Rot, Doomscrolling, AI Slop: Die Entwicklung der letzten Jahre zeigt, dass die Betreiber Sozialer Medien lange nicht mehr den Fokus darauf legen, Menschen zu vernetzen. Ihr Ziel: Watchtime – die Nutzer so lange wie möglich auf ihren Plattformen halten, damit sie so viele Werbeanzeigen wie möglich anschauen. Das schafft man am besten mit Suchtmechanismen. Perfekt dafür eignen sich emotional aufgeladene Kurzvideos mit Schockfaktor, die im Optimalfall durch algorithmische Personalisierungsarbeit individuell auf die Lebenssituation des Zuschauers angepasst sind. Der Nutzer ist wütend, lacht, weint – alles innerhalb von Sekunden, ohne auch nur einmal auf Play gedrückt zu haben. Das löst einen Hormoncocktail im Hirn aus. Ein Gefühl so gut, dass man es wieder und wieder möchte. Bei dieser Jagd wird Dopamin freigesetzt. Der Botenstoff, der hauptsächlich für Suchtverhalten verantwortlich ist.
Die Folge der Dopaminjagd: stundenlanges Anschauen von Videos, kurz Doomscrolling – eine Überladung von Reizen, Emotionen und Informationen. Das betäubt einerseits, andererseits überfordert es. Viele Betroffene berichten von Angststörungen, verringerter Aufmerksamkeitsspanne, fehlendem Interesse an sozialen Interaktionen und einem Gefühl von gestohlener Zeit, die man nie wieder bekommt. Diese Abstumpfung, die aus Doomscrolling resultieren kann, sorgt dafür, dass man immer stärkere Reize braucht. Hier kommen Brain Rot und AI Slop zur Stelle. Videos, deren einzige Aufgabe es ist, überladend und stimulierend zu sein. Sinnlosigkeit ist hier das Stilmittel. Dank generativen KI-Apps wie Sora oder Meta Vibes geht das jetzt in Sekundenschnelle. Tik Tok und Instagram sind seither damit überfüllt.
Brain Rot, Doomscrolling & AI Slop
Brain Rot (deutsch: Gehirnfäule) beschreibt einen Zustand, bei dem exzessive Bildschirmzeit und das Abtauchen in bestimmte Internet-Communities das Denken, Sprechen und Verhalten verändern. Der Begriff stammt vor allem von TikTok und wird genutzt, wenn Inhalte oder Reaktionen so realitätsfern wirken, dass sie kaum noch etwas mit dem echten Leben zu tun haben. Typisch sind überladene, sinnlose Clips, Insider-Memes oder Online-Dramen, die andere außerhalb dieser digitalen Blasen kaum nachvollziehen kann. Brain Rot kann aber auch subtile Effekte haben: geistige Trägheit, Konzentrationsprobleme, oder eine sinkende Fähigkeit, Informationen kritisch zu bewerten. Eine Studie der National Library of Medicine zeigt, dass übermäßige Bildschirmzeit die Aufmerksamkeitsspanne verringert und sogar die Struktur des Gehirns beeinflussen kann. Betroffene verlieren oft den Bezug zu Offline-Erfahrungen. Sie kennen jedes Meme, aber kämpfen im Alltag mit fehlendem Fokus, sozialer Interaktion oder Stress.
Doomscrolling bedeutet ursprünglich, sich durch negative Nachrichten zu scrollen – doch heutzutage beschreibt es vor allem den endlosen Konsum von kurzformatigem Content, der emotional auflädt, überfordert und gleichzeitig fesselt. Man schaut einen Clip nach dem anderen, ohne das Gesehene wirklich zu verarbeiten: Meme, Tragödie, Urlaubsvlog, Drama, ein Hund, jemand weint – alles in zwei Minuten. Mit der Zeit führt das zu emotionaler Überflutung: Freude flacht ab, Stress steigt, und selbst kleine Dinge werden plötzlich anstrengend. Viele Betroffene beschreiben außerdem ein „Brain Fog“-Gefühl – ein Gefühl von Nebel im Kopf – und das ständige Bedürfnis nach noch mehr Input, weil Stille unangenehm geworden ist. Doomscrolling verändert auch die Wahrnehmung der Welt: Wer täglich negative oder extrem emotionale Inhalte konsumiert, kann eine Depression oder Angststörung entwickeln.
AI Slop (auf Deutsch KI Fraß) bezeichnet massenhaft produzierten KI-Inhalt – Bilder, Videos oder Texte – die schnell erstellt, aber qualitativ als minderwertig angesehen werden. Das Ziel ist nicht Kunst, Information oder Kreativität, sondern Reichweite. Paradebeispiele wie „Shrimp Jesus“ zeigen, wie KI-Bilder gleichzeitig absurd, auffällig und perfektioniert fürs Scrollen sind. Das Problem: Diese Inhalte überschwemmen Plattformen wie Instagram, YouTube oder TikTok. Die Werkzeuge hinter diesen Inhalten werden immer besser und damit wird es schwieriger, AI Slop zu erkennen und einzuordnen.
Soziale Vernetzung, die einsam macht
Es ist acht Uhr morgens in einer WG in Mittweida – Hauke (Name zum Schutz der Privatsphäre geändert) schaltet seinen Wecker aus. Aufstehen, Zähne putzen, Rührei machen und beim Frühstück erst einmal schauen, welche Reels und TikTok-Videos ihm seine Freunde gesendet haben. Am Wochenende gerne auch mal eine Stunde im Bett, noch vor dem Aufstehen. „Also letzte Woche war ich von den sieben Tagen einen Tag lang komplett am Handy”, sagt er lachend. Als Zeitverschwendung sieht er das nicht an. Hauke identifiziert sich mit der Meme-Kultur und liebt es, seinen Freunden und Bekannten Videos zu schicken, die ihn an Gemeinsamkeiten oder Erlebnisse erinnern. Das helfe, Kontakte aufrechtzuerhalten, für eine tiefgreifende zwischenmenschliche Beziehung sorge das aber nicht, sagt er.
Dieses Verhalten kann man auch bei anderen Nutzern beobachten. Die US-Analysefirma GWI hat in einer repräsentativen Umfrage mit 41.000 Teilnehmenden in Deutschland herausgefunden: Es wird immer weniger sozialisiert und immer mehr konsumiert. Zeit totschlagen ist hier das Stichwort. Der Nutzungsgrund „Promis folgen“ ist so beispielweise seit 2020 um mehr als 20% gestiegen, „Gleichgesinnte finden“ hingegen um knapp 10% gesunken. Maike Luhmann, Psychologieprofessorin der Ruhr-Universität Bochum, berichtet in einem Interview mit dem Tagesspiegel, dass diese Gewohnheiten ein verstärktes Einsamkeitsgefühl auslösen können. So ist laut ihren Untersuchungen jeder fünfte Jugendliche in NRW stark einsam. Hauptgrund dafür seien soziale Medien. Ein Problem, das es nicht erst seit gestern gibt. Was sagen die Gründer der Netzwerke darüber?
Studie zu Einsamkeitsgefühlen unter 1.165 Personen ab 18 Jahren aus NRW, Grafik: medienMITTWEIDA, Quelle: infratest dimap/WDR
Der Dealer konsumiert niemals selbst
„Die Forschungsergebnisse sind ziemlich eindeutig: Nutzt du Social Media nur zum passiven Konsumieren und schaust Video nach Video, hat es negative gesundheitliche Auswirkungen”, sagte Meta–CEO Mark Zuckerberg bereits im Jahre 2019 in einem Interview mit Fox News. Damals betonte er: „Wir müssen unsere Systeme so gestalten, dass sie sinnvolle Interaktionen zwischen Menschen fördern.” Im Januar vergangenen Jahres behauptete Zuckerberg in einer Anhörung des Justizausschuss des Senats der Vereinigten Staaten, es gäbe keine Verbindung zwischen seinen Apps und Problemen mentaler Gesundheit. Welche seiner Aussagen er wirklich vertritt, ist unbekannt. Fakt ist, dass er seinen Kindern den Zugang zu sozialen Medien stark limitiert.
Mark Zuckerberg bei Vorstellung der Meta-Quest, Foto: Facebook/Mark Zuckerberg
Besonders im Kindesalter und in der Adoleszenz, also von 16 bis 24 Jahren, ist man äußerst beeinflussbar für die genutzten Mechanismen. Einerseits werden so früh Schönheits- und Lifestyle-Ideale verinnerlicht, die langfristig zu Körperbild- und Essstörungenund Depressionen führen können. Andererseits schädigt der übermäßige Konsum auch die Gehirnentwicklung. Denn das Gehirn, oder genauer gesagt der präfrontale Kortex, der besonders für Selbstregulation wichtig ist, ist in dem Alter noch nicht ausgereift. Eine Studie der Technischen Universtität Braunschweig beschreibt, dass das nicht nur die exzessive Nutzung intensiviere, es könne die Hirnstruktur langfristig verändern und genau diese Entwicklung behindern, sodass wichtige Bereiche des Gehirns auf der Strecke bleiben können. Wächst man mit einer Social-Media-Sucht auf, kann das also langfristige Folgen haben. Je länger sich diese Gewohnheiten festgefahren haben, desto schwieriger ist es, sie loszuwerden.
Noch ein Video, dann höre ich auf
„Anfangs hat es enorme Disziplin gekostet, nicht mehr auf Social Media zu gehen. Die Verlockung, aufs Handy zu schauen, ist schon ziemlich groß.“ erzählt Paul. Um den „Schrottcontent“, wie er ihn beschreibt, langfristig zu umgehen, habe es sich gezwungen gesehen, den Stecker zu ziehen. Er hat sämtliche Accounts auf Social-Media-Plattformen gelöscht und alle Apps deinstalliert. Nur so konnte er die Versuchung umgehen. Doch ist dieser Weg die einzige Lösung?
Hier sind einige Lösungsansätze, die wirklich helfen können:
Wer das alles schon probiert hat und immer noch Probleme hat, die Bildschirmzeit zu verringern, sollte darüber nachdenken, seine Accounts für eine gewisse Zeit zu deaktivieren und die Apps tatsächlich für eine Weile zu deinstallieren. Wem das zu drastisch ist, kann versuchen, einen Tag pro Woche oder pro Monat zu einem handyfreien Tag zu machen. Auf ein sogenanntes digitales Detox schwören viele Nutzer und berichten von einer Verbesserung der mentalen Gesundheit.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann scrollen sie noch heute…
„Mindestens einmal pro Woche wache ich mitten in der Nacht auf und merke, dass irgendein dummes Brain Rot-Meme seit drei Stunden auf Dauerschleife läuft.“ Dass Hauke abends noch so lange scrollt, dass er manchmal sogar dabei einschläft, stört ihn schon. Dadurch fehle ihm wichtiger Schlaf und das merke er oft am nächsten Tag an mangelnder Energie und Konzentration. Bei Paul hingegen wird um 22 Uhr der Flugmodus eingeschaltet und das Handy weggelegt. Dadurch sei er wesentlich entspannter und ausgeruhter geworden. Seitdem Paul nicht mehr auf den sozialen Medien aktiv ist, habe er einen klareren Kopf und könne sich besser auf eine Sache konzentrieren. Genau das sind Probleme, mit denen Hauke kämpfe, besonders in Vorlesungen und beim Serien- oder Filme-Schauen. Diese Schwierigkeiten nehme er jedoch gerne in Kauf, denn den „sinnlosen Pleasure“, wie er es beschreibt, möchte Hauke nicht aufgeben.
Dossier im Überblick
Social Media
Zwischen Kreativität und Burnout
Im Schatten der Content-Flut: Warum Produzenten heute öfter ausbrennen als aufblühen.
Warum immer mehr Menschen auf ihr Smartphone verzichten
Immer erreichbar, ständig online – und erschöpft. Was das „Digital Detox“ für Körper und Geist bewirken kann.
Text und Titelbild: Alexander Kalin, Foto: Mark Zuckerberg, Grafiken: Jörn Schröder



