Mit Fremden auf engstem Raum

von | 14. Februar 2020

Daumen raus, Lächeln anknipsen und möglichst nicht erfrieren. Los geht für mich das Abenteuer per Anhalter fahren. Credit: Anton Baranenko

Die Zeit vergeht wie im Flug. Schon eine Stunde stehe ich hier. Langsam beginnt es zu regnen und mein Lächeln, das ich vorbeifahrenden Autofahrern schenke, schwindet. Mein Pappschild, das ich stolz vor mir halte, wird von den einzelnen Tropfen getroffen. Ich versuche es zu schützen, denn ein zweites habe ich nicht. Ich schaue zu Merlin, der voller Motivation die Aufmerksamkeit der Fahrer auf uns lenkt.

Per Anhalter zu fahren, wird, vor allem in meiner Familie, mit Skepsis betrachtet. Man hört zu viel Negatives in den Nachrichten. Ich möchte die Erfahrung selbst machen und begleite Merlin auf seinem Weg von London nach Amsterdam.

Merlin lerne ich im Oktober 2019 kennen. Das erste Mal treffe ich ihn in Amsterdam und stehe mit ihm seither in Kontakt. Ich verfolge seine Reisen auf Instagram und möchte es unbedingt auch mal ausprobieren, per Anhalter zu fahren. Als wir über unsere Pläne im Dezember reden, erfahre ich von seinem Ziel, nach Amsterdam zu trampen. Ich entscheide mich kurzerhand, mit ihm zu kommen. Wenn ich schon spontan beschließe per Anhalter zu reisen, dann sicherheitshalber doch mit einem Profi.

Merlin Wild

Merlin kommt aus der Nähe von Frankfurt am Main und ist 19 Jahre alt. Nach seinem Abitur entschließt er sich, ein Jahr Pause zu machen und beginnt seine Reise durch Großbritannien. Nach unserem Treffen in Amsterdam reist er für zwei Monate durch ganz England, wobei er ausschließlich per Anhalter fährt. Unser Ziel, Amsterdam, ist der letzte Stopp, bevor er wieder nach Hause trampt.

Credit: Merlin Wild

Was war deine Inspiration für diese Reise?

Ich wollte nach England reisen. Das wusste ich schon. Ich habe gerade Abi gemacht und wollte noch nicht studieren. Und da ich nicht so viel Geld ausgeben wollte, kam ich auf die Idee, zu trampen. Meine erste größere Tramping-Erfahrung war, als ich meinen Bruder in Berlin besucht habe. Das Ungewisse reizt mich auch am Trampen. Man weiß einfach nicht hundertprozentig, wie und wann man ankommt, oder wen man auf seiner Reise trifft. Wenn man per Anhalter fahren möchte braucht natürlich viel Zeit, die man sich nehmen muss, aber dadurch kommen die besten Erfahrungen zustande. Die Menschen, die man im Auto kennenlernt sind auch ein ganz großer Punkt. Durch Gespräche erfuhr ich von so vielen unterschiedlichen Weltansichten und lernte somit auch mehr über mich selbst.

Einen Rückzug kann ich mir jetzt nicht mehr leisten

Ich liege in meinem Hostelbett und starre an die weiße Decke. Bisher machte ich mir kaum Gedanken über mein bevorstehendes Abenteuer, um ohne Erwartungen an die Reise heranzugehen. Dennoch liege ich da, an diesem Sonntagabend, und kleine Zweifel kommen in mir auf. Es könnte alles passieren. Langsam fange ich an, die Wahrscheinlichkeiten von negativen Ereignissen zu kalkulieren. Ich schüttel den Kopf. „Es gibt keinen Grund, sich solche Gedanken zu machen. Wird schon alles gut gehen“, denke ich mir und lege mich schlafen.

Später Start in das Ungewisse

Es ist 9:00 Uhr und der Wecker klingelt. Ich setze mich auf und gehe meinen Tagesablauf durch. Ich werde trampen. Letzte Nacht dachte ich noch darüber nach, wie ich am besten auf diese Situation zugehe. Nun sitze ich in meinem Hostelbett und schaue in die schlafenden Gesichter meiner Freunde. Merlin und ich packen unsere Sachen, frühstücken und zeichnen unsere Schilder.

Ab jetzt heißt es warten, warten, warten – bis einer anhält. Credit: Merlin Wild

Mit der U-Bahn und dem Bus fahren wir zu unserem Startpunkt, einer Tankstelle direkt neben einer Kreuzung. Den Ort, an dem wir starten würden, suchte Merlin bereits am Vortag heraus. Auf dem Weg dahin unterhalten wir uns darüber, ob wir heute noch ankommen werden. Für uns beide ist das allerdings eine Traumvorstellung. 12:30 Uhr starten wir unserer Abenteuer. Eigentlich wollten wir viel zeitiger anfangen. Merlin geht mit mir nochmal das Wichtigste durch. Nahe der Straße stehen, das Schild in Fahrerhöhe und seitlich vom Körper halten, den Daumen nicht vergessen und den Menschen mit einem Lächeln in die Augen schauen. 

Wo findest du Mitfahrgelegenheiten?

Die besten Orte finde ich im Internet. Da gibt es eine schöne Webseite, die HitchWIKI heißt. Das ist quasi Wikipedia für Hitchhiker. Da sucht man nach der Stadt, in der man gerade ist und bekommt die besten Orte angezeigt um eine Mitfahrgelegenheit zu finden. Es gibt Einträge für fast alle größere und teilweise kleinere Städte. Da schaue ich zuerst nach und finde in circa 90 Prozent der Fälle etwas und wenn nicht, suche ich die Route auf Google Maps. Dort suche ich mir den einfachsten Weg, um in die Nähe einer Autobahnauffahrt zu gelangen und schaue ob es dort passt.

Tausche niemals einen guten Spot gegen ein paar Kilometer  

Circa 45 Minuten später hält ein weißer Audi A4 neben uns an. Der Fahrer winkt uns in die Tankstelleneinfahrt. Darren meinte, er fahre nach Frankreich und könne uns bis zum Eurotunnel mitnehmen. Wir freuen uns riesig und kommen natürlich direkt mit. Einmal eingestiegen, erzählt uns Darren, dass er nochmal umgedreht sei, um uns mitzunehmen. Das berührt mich sehr und wird mir immer in Erinnerung bleiben. Das Auto selbst ist sehr vollgepackt, da er gerade auf dem Weg zum Snowboarden ist und gleichzeitig Gepäck für einen Freund dabei hat. Ich sitze links auf der Rückbank, habe meinen blauen Rucksack auf dem Schoß und halte gleichzeitig Gläser von Darren fest. Es ist sehr lustig. Wir reden viel und haben eine tolle Zeit. Merlin meint, auf dem Weg zum Eurotunnel gebe es eine sehr gute Stelle, an der er uns raus lassen könne. Leute, die per Anhalter fahren, werden nahe Dover nur sehr ungern gesehen.

Kurz vor 14:00 Uhr kommen wir an dem Ort an, den Merlin zuvor herausgesucht hat. Es ist ein sehr großer Kreisverkehr direkt neben einer Tankstelle und einem Fast Food Restaurant. Es wirkt wie ein wirklich guter Ort, um nach Mitfahrgelegenheiten zu suchen. Obwohl wir noch in Großbritannien sind, nutze ich von Zeit zu Zeit das Schild mit der Aufschrift „Amsterdam”. Viele Menschen sind sehr freundlich und winken uns zu. Manche tun so, als würden sie uns nicht sehen. Nur eine Person ist etwas unfreundlich. Ein Mann in einem weißen Transporter zeigt auf mich und hält seine Hände an den Mund, als würde er rauchen. Dann lacht er und fährt weiter. Ich bin etwas perplex, lache dann aber darüber. Mit viel positiver Energie und Motivation suchen wir weiter. Es beginnt zu regnen und die Zeit fängt an, etwas langsamer zu laufen. Ein Fahrer bietet uns an, uns ein Stück nach Dover mitzunehmen. Wir lehnen allerdings ab, da Merlin mir sagt: „Tausche niemals einen guten Spot gegen ein paar Kilometer”. Unser Ziel ist es, bis nach Frankreich zu kommen. Halb vier hält ein blauer Citroen neben uns und erfüllt uns genau diesen Wunsch. Camille und Max, ein liebevolles Paar aus Frankreich, welches in England lebt und auf der Heimreise für Weihnachten ist, nimmt uns mit. Diesmal teile ich die Rückbank mit Merlin und seinem gigantischen Rucksack. Die beiden sind unglaublich herzlich und wir reden ununterbrochen. Die Zeit vergeht wie im Flug, bis wir gegen 16:15 Uhr am Hafen in Dover ankommen.

Hitchhiking bedeutet vor allem eines: Beine anziehen. Credit: Merlin Wild

Keiner will Tramper auf der Fähre

Nun steht der Part an, vor dem ich am meisten Respekt habe: Das Überqueren des Ärmelkanals. Auf HitchWIKI werden wir bereits vorgewarnt, dass Hitchhiker an Häfen sehr ungern gesehen werden. Aus diesem Grund denken wir uns im Auto eine Geschichte aus, um den Mitarbeitern am Hafen erklären zu können, warum wir vier statt nur zwei Personen sind. Gebucht wurde die Fahrt ausschließlich für zwei Passagiere. Ich kenne bereits alle Stationen, da ich nicht zum ersten Mal die Fähre nach Frankreich nutze. Wir fahren zum Hafen und händigen unsere Pässe und Ausweise der netten Dame an der Grenzkontrolle aus. Hier gibt es keine weiteren Fragen, also fahren wir weiter zum Check-in. Das letzte Mal, als ich dort war, wurde unser Auto von vorne bis hinten durchleuchtet und wir wurden über jegliche Kleinigkeiten ausgefragt, die den Mitarbeitern nur einfiel. Doch nicht heute. Es steht nicht mal eine Person mit Warnweste da, die uns hätte rauswinken können.

Wir passieren somit Station eins und zwei. Fehlt nur noch Station drei, der Check-in. Dort angekommen geben wir auch dieser freundlichen Mitarbeiterin unsere Pässe. Diese gibt uns kurzerhand einen Zettel mit allen wichtigen Daten zu unserer Reise. Auf diesem Zettel steht „Passagieranzahl: Vier Personen“ und das, obwohl nur für zwei gebucht wurde. Ohne weitere Fragen zu stellen, wünscht sie uns eine angenehme Reise. Wiedermal kann ich es nicht fassen. Ein weiterer Schritt ist geschafft und wir kommen unserem Ziel, Amsterdam, immer näher. Auf der Fähre laufen wir mit unserem Amsterdam-Schild umher und fragen Passagiere, ob sie in diese Richtung fahren. Es fühlt sich sehr unangenehm an, auf Leute zuzugehen und sie anzusprechen. Leider finden wir auch niemanden, der uns mitnehmen kann und fahren weiter mit Max und Camille nach Lille.

Fähre oder Eurotunnel

Wenn man für die Fähre ein Ticket bucht, zahlt man ausschließlich für das Fahrzeug. Man kann bis zu neun weitere Personen anmelden, ohne einen weiteren Aufpreis zu zahlen. Im Eurotunnel ist das etwas anders. Bei der Buchung wird man nach den Daten auf seinem Reisepass gefragt und es ist schwer noch kurzfristig weitere Passiere mit hinzuzubuchen.

Des Weiteren ist zu beachten, dass man die Fähre über den Ärmelkanal ausschließlich mit einem Fahrzeug benutzen darf. Die Buchung eines Tickets ohne fahrbaren Untersatz ist somit nicht möglich.

Heimatlos in Frankreich?

Durch die Zeitverschiebung von einer Stunde kommen wir erst gegen 21:15 Uhr an unserem Ziel, einer gut gelegenen Tankstelle, an. Obwohl diese 22:00 Uhr schließt, fahren wir dennoch hin und versuchen unser Glück. Es gibt leider keinen besser gelegenen Ort in der Nähe. Einmal angekommen sind wir schockiert, wie leer diese Tankstelle ist. Es stehen gerade mal zwei Autos da, die wegfahren, als wir ankommen.

Schon auf dem Weg dahin unterhalten wir uns mit Max und Camille darüber, wo wir schlafen könnten. Nach unserer Ankunft wird uns allerdings immer bewusster, dass die Chancen, hier noch ein Auto nach Amsterdam zu finden, sehr unwahrscheinlich sind. Die beiden lassen uns nicht allein und fangen an, mit uns jeden Fahrer anzusprechen, der zu der Tankstelle kommt. Es ist kurz vor 22:00 Uhr. Max und Camille entschließen sich, uns mit zu sich zu nehmen, damit wir nicht auf der Straße schlafen müssen. Ich sitze bereits im Auto, als weitere drei Wagen bei der Tankstelle ankommen. Merlin meint, er wolle es noch ein letztes Mal versuchen und geht zu den Fahrern. Und tatsächlich: Die letzte Person, die er anspricht, fährt in die Nähe von Amsterdam und nimmt uns auch noch mit. Ich bin völlig fassungslos. Damit habe ich gar nicht mehr gerechnet. Schnell nehmen wir unsere Sachen und bringen sie zu Thomas, unserer Mitfahrgelegenheit nach Haarlem.

Wie hast du dich in dem Moment gefühlt, als wir in Lille bei der Service Station waren und du kurz vor Schluss einen Fahrer gefunden hast?

Das ist eigentlich das beste Gefühl beim Trampen, wenn man in einer aussichtslosen Situation ist und dann noch die Hoffnung, sein Ziel zu erreichen, erfüllt bekommt. Und das zeigt: Es könnte immer die nächste Person sein. Das ist eine Grundregel beim Trampen. Jedes Auto könnte wirklich das sein, was dich mitnimmt. Diese Regel hat sich vorher schon mehrfach für mich bestätigt. Das fühlt sich immer sehr gut an.

Auf der Zielgeraden

Ich sitze wie gewohnt links auf dem Rücksitz und kuschel mich an meine Jacke. Es ist das erste Mal, dass wir wirklich Platz im Auto haben. Wir fahren in einem schwarzen Audi, einem brandneuen Wagen. Thomas ist für seine Arbeitsstelle unterwegs und hat daher sehr wenig Gepäck mit sich. Der Geruch des neuen Autos liegt noch immer in der Luft. Nach diesem Tag bin ich sehr müde und schlafe fast die ganze Fahrt von Lille nach Haarlem. Merlin unterhält sich in der Zeit mit Thomas. Gegen 0:45 Uhr kommen wir in Haarlem an. Es ist bereits ausgemacht, dass wir bei einer Freundin in einem Dorf nahe Amsterdam schlafen können. Daher nutzen wir die öffentlichen Verkehrsmittel, um zu ihr zu gelangen. Die Krönung des Ganzen ist sogar, dass Haarlem noch näher an dem Wohnort meiner Freundin ist, als Amsterdam selbst. Es ist unglaublich schön, endlich dort anzukommen, wo wir hin wollten. Und das in unter zwölf Stunden.

Was ist in deinen Augen das Wichtigste, was du Menschen, die zum ersten Mal Trampen, mitgeben möchtest?

Zuerst Optimismus, würde ich sagen. Eine positive Grundeinstellung und der Glaube daran, wirklich am Ziel anzukommen. Es ist auch wichtig einen guten Startpunkt und ein lesbares Schild zu haben. Weniger Menschen halten an, wenn sie nicht wissen wohin du möchtest. Als ich ein Schild hatte, habe ich wesentlich schneller Mitfahrgelegenheiten bekommen als ohne. Und in der kalten Jahreszeit definitiv warm anziehen und eventuell einen Bluetooth Speaker mitnehmen, um gute Musik hören zu können.

Fazit – Würde ich es wieder tun?

Definitiv. Ich habe mir bereits neue Ziele gesetzt, die ich per Anhalter erreichen möchte. Die Reaktionen der Menschen haben mich am meisten gefreut. Da wir so viel Spaß am Straßenrand hatten und permanent gelacht haben, lächelten uns die meisten Autofahrer zurück. Viele hupten und zeigten uns den Daumen nach oben. Andere winkten uns zu oder kommunizierten mit Zeichensprache. Diese Erfahrung ist definitiv ein Positivbeispiel. Man sollte sich immer im Hinterkopf behalten, was alles passieren kann und dementsprechend Vorbereitungen treffen. Es ist immer sicherer, zu zweit zu reisen, vor allem als Frau. Man sollte auch immer schauen, bei wem man letztendlich einsteigt. Hat man ein ungutes Gefühl, dann sollte man darauf hören und doch etwas länger suchen.

Text: Maria Marle, Titelbild: Anton Baranenko