Wahre Verbrechen

True Crime: Der Reiz des Bösen

von | 11. November 2022

Der Hype um das Genre True Crime flacht seit Jahren nicht ab. Was fasziniert uns so am Leid anderer Menschen?

Abends entspannt auf der Couch die neue Netflix-Serie über Jeffrey Dahmer schauen und danach beim Einschlafen die aktuelle Folge des Podcasts „Mordlust“ hören – wahre Verbrechen begleiten viele Menschen durch den Alltag. Das Genre True Crime ist seit Jahren in der Medienbranche etabliert und erfreut sich seit jeher großer Beliebtheit. Wir, von medienMITTWEIDA, gehen diesem Phänomen auf den Grund.

Seit Netflix am 21. September 2022 mit Dahmer-Monster: Die Geschichte von Jeffrey Dahmer an den Start ging, will der Hype um den sogenannten Kannibalen von Milwaukee nicht abflachen. Die True-Crime-Serie des Regisseurs Ryan Murphy erzählt in zehn Folgen, wie Jeffrey Dahmer zwischen 1978 und 1991 insgesamt 17 junge Männer ermordete. Anschließend aß der Serienmörder sogar einige seiner meist schwarzen und homosexuellen Opfer.

Den Nutzern scheint das zu gefallen: In den ersten 28 Tagen wurde die Serie laut Angaben des Streaming-Dienstes ganze 856.220.000 Stunden geschaut. Damit belegt sie Platz zwei der meistgeschauten englischsprachigen Netflix-Serien und trägt dazu bei, dass die Nutzerzahlen im dritten Quartal wieder ansteigen.

Der Trend geht so weit, dass auf der Verkaufsplattform Ebay sogar Halloween-Kostüme, die an Jeffrey Dahmer erinnern, angeboten wurden. Nach massiver Kritik reagierte die Plattform und erklärte, sämtliche Produkte dieser Art entfernen zu wollen, da deren Verkauf gegen die Richtlinien verstoße.

Wie hat sich das Genre entwickelt

Die Anfänge dieses polarisierenden Genres lassen sich bis in das Mittelalter zurückverfolgen, wie Medienwissenschaftler Jens Ruchatz gegenüber dem Deutschlandfunk erwähnte. Damals behandelten sogenannte Bänkelgesänge die Thematik wahrer Verbrechen, wobei schauderhafte Geschichten auf öffentlichen Marktplätzen gegen Geld vorgetragen wurden. 

Eine richtige Etablierung von True-Crime-Formaten, besonders in der amerikanischen Popkultur, lässt sich allerdings erst ab den 1920er Jahren feststellen. Zu dieser Zeit erschienen vermehrt Pulp Magazine, also billige Hefte, in denen populärer Lesestoff abgedruckt wurde. Ein Beispiel hierfür ist das von Bernarr Macfadden herausgegebene True Detective Magazin

Stilprägend für das Genre bleibt Truman Capote’s Tatsachenroman In Cold Blood von 1965. Dieser thematisiert einen Mordfall aus dem Jahr 1959 in Kansas, bei dem eine Familie brutal getötet wurde. Während seiner Recherchen gelang es Capote sogar, Kontakt zu den Tätern herzustellen und diese zu befragen. Mit seinem Werk legte der Autor den Grundstein für eine regelrechte Flut von True-Crime-Büchern: The Ultimate Evil von Maury Terry aus dem Jahr 1987 oder das 1974 erschienene Helter Skelter von Vincent Bugliosi sind dabei nur einige Beispiele.

Ab den 1980er Jahren schaffte True Crime auch den Sprung ins deutsche Fernsehen. In Formaten wie Aktenzeichen XY … ungelöst oder Medical DetectivesGeheimnisse der Gerichtsmedizin erhalten die Zuschauer einen Einblick in die Fahndung nach Tätern oder in die Aufklärung wahrer Kriminalfälle. Häufig zeichnen sich derartige Sendungen durch einen Mix aus nachgestellten Szenen, Archivmaterial und der Befragung von Experten aus.

Den aktuellen Boom verdankt das Genre allerdings neueren Formaten. 2014 trat die Journalistin Sarah Koenig mit ihrem Podcast Serial eine neue Welle der Beliebtheit los. Die zwölf Folgen der ersten Staffel beleuchten den Fall rund um Adnan Syed, der 1999 eine Highschool-Schülerin getötet haben soll. Koenig’s Recherchen weckten erstmals Zweifel an einigen Beweisen gegen Syed. In diesem Jahr wurde die Mordanklage gegen ihn fallen gelassen.

Auch auf Streamingplattformen sind etliche Angebote rund um wahre Verbrechen zu finden: Making a Murderer, Catching Killers oder Dahmer-Monster: Die Geschichte von Jeffrey Dahmer stehen den Nutzern zum Beispiel auf Netflix zur Verfügung. 

Gruner + Jahr und andere etablierte Medienhäuser schlossen sich dem True-Crime-Trend an und veröffentlichten ebenfalls eigene Formate. Die Erstausgabe von Stern Crime verkaufte 2015 circa 75.000 Exemplare.

Wer konsumiert True Crime?

Laut Verlagsangaben seien 81 Prozent der Leserschaft von Stern Crime Frauen. Brandwatch wertete die Twitter-Follower bekannter englischsprachiger True-Crime-Podcasts aus und kam zu einem ähnlichen Ergebnis: In elf von zwölf Fällen sei die Mehrheit weiblich. Den Spotify Charts lässt sich entnehmen, dass solche Podcasts auch überwiegend von weiblichen Hosts moderiert werden. Ein Produkt von Frauen für Frauen.

Eine Studie von Seven.One Media will herausgefunden haben, dass 58 Prozent der Befragten True-Crime-Fans zwischen 20 und 29 Jahren alt seien. 88 Prozent der Befragten hätten im Online-Interview zudem angegeben, jede Folge ihres Lieblingspodcasts zu hören. Den Angaben von Stern Crime zufolge würden 85 Prozent ihrer Nutzer die meist durchaus langen Beiträge komplett lesen.

Der Fall um Gabby Petito beweist ebenfalls, dass die True-Crime-Community äußerst aktiv zu sein scheint. Als die 22-jährige Bloggerin 2021 in den USA verschwand, verbreitete sich die Nachricht in den sozialen Medien wie ein Lauffeuer. True-Crime-Fans sammelten sich in Diskussionsforen und starteten eigene Amateurermittlungen. Bis heute zählt der Hashtag #gabbypetito mehr als zwei Milliarden Aufrufe auf TikTok.

Warum ist das Genre so faszinierend?

Besonders reizvoll für die Nutzenden ist es, nach beispielsweise einer spannenden True-Crime-Dokumentation, einfach selbst weiter zu recherchieren. Die Kriminalpsychologin Lydia Benecke sagt gegenüber dem Spiegel dazu: „Psychologisch muss das Gerechtigkeitsgefühl der Zuschauer befriedigt werden.“ Ein zusätzlicher Aspekt ist die soziale Interaktion, also zum Beispiel der Austausch über die Fälle in Foren mit Gleichgesinnten.

True-Crime-Formate vereinen zudem Elemente der Berichterstattung und des Storytellings. Sie bieten also einen Mix aus Unterhaltung und Nachrichten. Das Spektrum an Emotionen ist dabei sehr groß und in etwa so vielschichtig, wie die behandelten Fälle selbst. Angst, Hass, Trauer – das Genre zielt darauf ab, die großen Gefühle zu wecken.

Ein weiterer Faktor ist die Neugierde. Es reizt uns, einen Blick in das Leben anderer Menschen und in deren Leidensgeschichten zu werfen. Dabei fürchten wir uns auf eine angenehme Art, da wir wissen, dass wir uns in Sicherheit befinden. Ein Adrenalinrausch in sicherer Umgebung.

Eine mögliche Begründung, warum die Mehrzahl der Nutzer weiblich ist, liefern Zahlen des Bundeskriminalamtes. Dort heißt es, Frauen hätten mehr Angst vor Verbrechen als Männer. Oftmals sind auch die Opfer in den behandelten Fällen der Formate weiblich. Deshalb wird vermutet, dass Frauen sich durch True-Crime-Content auf den Ernstfall vorbereiten wollen. Bei diesen Schutzmaßnahmen spielt auch ein gewisses Kontrollbedürfnis eine Rolle.

Überdies möchten die Nutzer die Denkweisen und Motive der Täter verstehen.

Welche Kritikpunkte gibt es?

Die Opfer in True-Crime-Formaten sind meist weiß und weiblich. In der Realität fallen allerdings Männer Mordfällen häufiger zum Opfer. Diese Verzerrung der Wirklichkeit bewirkt, dass sich Urängste in uns breit machen. Fälle, die nicht den gewünschten Kriterien entsprechen, werden weniger häufig thematisiert.

Zudem wird der Täter oftmals auf eine romantisierende Weise dargestellt, wenn zum Beispiel die Geschichte aus seiner Perspektive wiedergegeben wird oder frühere Schicksalsschläge als „Erklärung“ für seine Taten dienen. Das Leid der Opfer und ihrer Angehörigen gerät dadurch in den Hintergrund.

Auch die Suche nach Hinweisen in True-Crime-Formaten, wie man selbst nicht zum Opfer wird, enthält problematische Aspekte. Dadurch geben die Nutzenden dem Opfer – wenn auch unbewusst – eine Mitschuld an dem Geschehenen. Beispielsweise: Wenn sie abends nicht alleine unterwegs gewesen wäre, dann wäre das nie passiert. Wenn sie sich nicht so gekleidet hätte, dann wäre der Täter nicht auf sie aufmerksam geworden.

Einer der offensichtlichsten Kritikpunkte ist die Retraumatisierung der Opfer und ihrer Angehörigen. Auch im Fall der bereits erwähnten Netflix-Serie über Jeffrey Dahmer werden dahingehend schwere Vorwürfe gegen den Streaminganbieter erhoben. Rita Isbell, die Schwester des getöteten Errol Lindsey, äußerte in einem Essay für Insider, dass es sich anfühlt, als müsse sie ihr Leid erneut durchleben. Außerdem kritisiert sie in ihrem Text, von Netflix nicht um Erlaubnis zur Ausstrahlung der Serie gefragt worden zu sein, obwohl Isbell selbst in einer Rolle verkörpert wird. Auch ihr Cousin Eric Perry findet auf Twitter klare Worte für die Serie. Dort heißt es übersetzt: „Ich sage niemandem, was er schauen soll, ich weiß, dass True Crime gerade ganz groß ist, aber falls ihr euch wirklich für die Opfer interessiert, meine Familie (die Isbell’s) ist wütend über diese Serie. Das ist retraumatisierend und wozu? Wie viele Filme/ Sendungen/ Dokumentationen brauchen wir noch?”

Des Weiteren wird kritisiert, dass Anbieter wie Netflix mit solchen Tragödien Geld verdienen wollen. Aktuell gibt es sogar eine Petition, die den Streaminganbieter dazu bringen soll, die Gewinne durch Dahmer-Monster: Die Geschichte von Jeffrey Dahmer an die Familien der Opfer zu spenden.

 

Text und Titelbild: Jessy Schrödter

<h3>Jessy Schrödter</h3>

Jessy Schrödter

ist 20 Jahre alt und studiert derzeit im 3. Semester Medienmanagement an der Hochschule Mittweida.