Derzeit flüchten viele Menschen aus Venezuela. Unter ihnen ist auch eine Familie, die in Sachsen eine neue Heimat findet und Fuß fasst. Existenzielle Krisen, wirtschaftliche Unsicherheiten sowie politische Spannungen – insbesondere im Hinblick auf die USA – erhöhen den Druck auf die zivile Bevölkerung Venezuelas unter der Regierung von Nicolás Maduro. Was spielt sich in Venezuela ab und wie geht es den Betroffenen?
Bereits seit Monaten nimmt der Druck von der Trump Administration gegenüber Venezuela stetig zu. Dabei ließen bereits 83 Menschen in karibischen Gewässern ihr Leben, da die USA mutmaßliche Drogenboote attackierte. Die Angriffe werden seitens der USA damit gerechtfertigt die Bürger im Inland vor „Drogenterroristen“ zu schützen. Zudem verbreitete der 47. Präsident der USA auf seiner Plattform Truth Social, dass der Luftraum über Venezuela als „geschlossen“ zu betrachten sei.
Donald Trumps Kommentar vom 29.11.2025, Quelle: realDonaldtrump/Truth Social
Zwischen wirtschaftlichen Engpässen und gesellschaftlichen Nöten
Die Redaktion von medienMITTWEIDA trifft sich mit einer jungen Venezolanerin, welche aufgrund der aktuellen Lage in ihrem Herkunftsland ihre Heimat verließ und lebt seit Juni 2022 in Deutschland. Was genau veranlasste sie mitsamt ihrer Familie nach Deutschland zu immigrieren? Lucia (Name zum Schutz der Privatsphäre geändert) ist 16 Jahre alt, hat sich in Deutschland gut eingelebt und in ihrer Schule in Mittweida Anklang gefunden. „Auch wenn es Tage gibt, an denen man die Heimat vermisst, können wir dankbar sein in Deutschland ein zweites Zuhause gefunden zu haben“, sagt sie. Sie erzählt von abnormalen Zuständen, wie beispielsweise, dass in Venezuela extreme Korruption herrscht. Die Chavistas kontrollieren laut Lucia praktisch alles und stehen mit dem Cártel de los Soles (zu Deutsch: Kartell der Sonnen) in Verbindung, die von den USA als terroristische Organisation eingestuft wurde. Das Drogenkartell würde demnach eng mit der venezolanischen Regierung zusammenarbeiten und deren Schutz genießen. Die Chavisten behaupten jedoch, dass die USA Drogenkartelle wie das Cártel de los Soles als einen Vorwand nutze, um politischen Druck auf Venezuela auszuüben. Unter Chavismus versteht man die links sozialistische Ideologie, die vom ehemaligen venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez eingeführt wurde, und unter anderem Elemente des Feminismus, Patriotismus und Internationalismus miteinander verbindet. Anhänger wie Nicolás Maduro werden als „Chavisten“ bezeichnet.
Lucia mit Ihrer Mutter und Schwester, Venezuela 2014, Foto: Lucia
Lucias Familie gilt als Angehörige der Opposition des Regimes, wodurch ihre Eltern Anfeindungen erfuhren. Mit der Zeit wurden diese für die Familie zu einem alltäglichen Risiko. Das habe sich auch auf das Leben der jungen Lucia ausgewirkt. „Ich war elf Jahre alt – aber ich weiß, dass beide diese Last mit sich trugen“, erinnert sie sich. Wie diese Anfeindungen genau aussahen, möchte sie vor medienMITTWEIDA nicht bekannt geben. Ihre Eltern, eine Erdölingenieurin und ein Maschinenbauingenieur, hätten Schwierigkeiten gehabt, Arbeitsplätze zu finden. Zeitgleich berichtet Lucia von einem drastischen Anstieg der Lebensmittel- und Treibstoffpreise. Der Alltag sei zu einem Kampf darum geworden, „Bolivares (landeseigene Währung Venezuelas) in Dollar umzutauschen, bevor sie ihren Wert verloren“. Auch heute noch erfährt Lucia von verbleibenden Angehörigen in Venezuela, dass ein Liter Milch Tausende von Bolivares koste. Ein Dollar entspricht dabei in etwa 340 Bolivares. Aufgrund des anhaltenden Wert- und des daraus folgenden Vertrauensverlustes der venezolanischen Währung werde das Einkommen häufig in Dollar getauscht. Lucia erklärt, dass der Mindestlohn pro Woche zwischen zehn bis fünfzehn Dollar betrage. Eine Suppe im Restaurant koste dagegen fünf Dollar. Daher würden Lucias Telefonate mit ihrer Verwandtschaft häufig in Tränen und der Bitte um Geld enden.
Inflationsrate im Lauf der Jahre in Venezuela, Diagramm: Jörn Schröder; Datenquelle: International Monetary Fund
Hyperinflation
Eine Inflation beschreibt einen Währungsverfall. Diese liegt üblicherweise im niedrigen Bereich bei etwa 2 Prozent im Jahr. Schon bei über 4 Prozent Inflation im Jahr ist die Rede von einer starken Inflation. Eine Hyperinflation wird deutlich, indem Preise rasant ansteigen, beispielsweise bei 50 Prozent Inflation im Monat. Sie kann entstehen, sobald ein Staat wiederholt Schulden aufnimmt und unkontrolliert Geld druckt. Sobald Subventionen oder Dienstleistungen seitens des Staates gegenüber dem eigenen Land nicht mehr finanziert werden können, ist das Drucken von neuem Geld oftmals die einzige Lösung. Damit einhergehen oftmals hohe Insolvenzraten und Arbeitslosigkeit, da für Unternehmer die Lohnkosten ebenso steigen und es zu Planungsschwierigkeit kommt. Das wiederum verstärkt die Inflation umso mehr, da weniger finanzielle Mittel wie Steuereinnahmen zur Verfügung stehen. Allein im Jahr 2018 betrug die Inflation des Bolivares 65.374,08 Prozent und hat sich im Jahr 2025 vergleichsweise stabilisiert. Derzeit liegt sie bei 269,93 Prozent.
All jene Gründe würden wohl dazu führen, weshalb die Auswanderung drastisch in den letzten Jahren gestiegen ist. Lucia und ihre Familie ist damit kein Einzelfall, allein im Jahr 2025 wird die Anzahl der Flüchtlinge aus Venezuela auf 7,9 Millionen geschätzt, was von weltweit 45 Millionen Schutzbedürftigen 17,4 Prozent entspricht.
aktuelle Herausforderungen und humane Situation in Venezuela, Diagramm: Jörn Schröder; Datenquellen: reliefweb.de, humvenezuela.com
Flucht in ein neues Zuhause
Der Pressesprecher Tommy Ramm der Diakonie für Katastrophenhilfe erklärt gegenüber medienMITTWEIDA, dass die Hauptursache für die Flucht aus Venezuela hauptsächlich die wirtschaftliche als auch die humanitäre Krise sei. So solle sich dieser Niedergang bis in alle Gesellschaftsschichten deutlich bemerkbar machen, was oft auch mit Hungern einhergehe. Aus Hoffnung auf bessere Lebensumstände zieht es die Venezolaner oftmals in nahegelegene Gebiete wie Kolumbien oder Ecuador, andere nehmen den Weg nach Mittelamerika beziehungsweise in die USA auf sich. Die Flucht geschehe hauptsächlich über Landwege, wobei Flüchtlinge kriminellen Vereinigungen, Schleppern und enormen Entbehrungen ausgesetzt sind – ganz davon abgesehen, dass Fluchtrouten häufig keine Grundversorgung gewährleisten. Der Pressesprecher erklärt, dass Kolumbien jedoch aktuell die Unterstützung für Migranten aus Venezuela reduziere, aufgrund eigener wirtschaftlicher Probleme und steigender Kriminalität. Auch andere Nachbarländer wie Chile und Peru verschärfen die Einreisebestimmungen und erschweren das Beantragen von Asylanträgen.
Lucia empfand, dass sich die Flucht in ein fremdes Land „wie ein seeehr langer Urlaub“ angefühlt habe. Alles ist neu, unbekannt und aufregend. Im ersten Jahr nach ihrer Ankunft habe sie die Flucht aus Venezuela noch nicht richtig verarbeiten können. „Es wäre gelogen zu sagen, dass ich den ersten Jahren nicht völlig abgekoppelt war“. Sie stand nun zwischen zwei völlig unterschiedlichen Realitäten. In Deutschland habe es anfangs auch kein festes Zuhause, keine geregelten Zeiten, Strukturen oder geregelte Abläufe gegeben. Sie habe sich dabei daran gewöhnt, nichts zu verstehen – weder warum sie das Land verlassen mussten, noch von der neuen Sprache. Auch gesteht Lucia, dass sie über ihre Ankunft in Deutschland ursprünglich gar nicht reden wollte, da es in ihr Frustration und Unverständnis auslöse.
Unfreiwillige Siesta für Maduro
Mit der umstrittenen Wiederwahl des chavistisch-sozialistischen Präsidenten Nicolás Maduro im Juli 2024, die er offiziell mit etwa 51,2 Prozent der Stimmen gewann, kam es in Venezuela zu massiven Protesten gegen mutmaßliche Wahlmanipulation. Tausende gingen auf die Straßen von Caracas, um gegen den vermuteten Wahlbetrug zu demonstrieren; Medien berichteten von willkürlichen Verhaftungen. Zugleich bildeten sich pro-Maduro-Demonstrationen, in denen Anhänger des Regimes gegen „extreme Rechte“, „Imperialismus“ und angebliche Spaltungstendenzen protestierten. Auch international, etwa in Deutschland, kam es zu solidarischen Kundgebungen venezolanischer Gemeinschaften, auf denen die USA für angebliche imperialistische Attacken kritisiert wurden.
Unterstützer einer Einberufungskampagne versammeln sich im Stadtteil Catia in Caracas (29. August 2025), Foto: euronews
Nach monatelangen Spannungen und internationalen Vorwürfen wegen Wahlmanipulation und autoritärer Politik war Venezuela schon seit der umstrittenen Wahl Maduros 2024 von Protesten und Unruhen geprägt. Am 3. Januar 2026 eskalierte die Lage dramatisch, als Operation Absolute Resolve in Caracas dazu führte, dass Präsident Nicolás Maduro und seine Ehefrau Cilia Flores von US-Spezialeinheiten festgenommen und anschließend in die USA nach New York gebracht wurden. Bei der Operation sollen 24 venezolanische Sicherheitskräfte ums Leben gekommen sein. Vor dem Bundesgericht musste Maduro sich verantworten. Ihm wird dort unter anderem die Beteiligung an einem langjährigen Drogenschmuggel- und Korruptionsnetzwerk vorgeworfen. Er selbst bezeichnet sich als unschuldigen „Kriegsgefangenen“ – die nächste Anhörung soll im März stattfinden.
Die US-Regierung unter Präsident Donald Trump erklärte die Operation als notwendigen Schritt im Kampf gegen Drogenhandel und organisierte Kriminalität sowie zur Vorbereitung eines politischen Übergangs in Venezuela. Trump selbst hatte erklärt, die USA würden vorübergehend „Verantwortung“ übernehmen, um Stabilität herzustellen und die Ölproduktion wieder anzukurbeln.
Hoffnung für Venezuela?
Viele oppositionelle Venezolaner schauen gespannt auf Maria Corina Machado, Vorsitzende der rechtskonservativen Partei Vente Venezuela (zu Deutsch: Komm schon, Venezuela), die sich ein Jahr lang aufgrund der Umstände zurückgezogen hatte und kürzlich den Friedensnobelpreis verliehen bekam. Unter ihren Anhängern wird sie als die Eiserne Lady bezeichnet, erhält aber auch Gegenspruch für ihre Nähe zu Donald Trump. Der Nobelpreis könnte nun auch international einen demokratischen Diskurs in Venezuela bestärken. Nach der Festnahme Maduros bleibt der alte Regierungsapparat allerdings erstmal bestehen, ein Regierungswechsel steht außer Sicht. Für Lucias Familie ist Machado ein Schimmer für Hoffnung, die sonstige Nachrichten aus dem Heimatland üblicherweise vermeiden. Es sei der Traum ihrer Eltern, ihren Kindern eines Tages das Land zu zeigen, in dem sie selbst aufgewachsen sind.
