Änderung des Trinkverhaltens

Zwischen Coronavirus und Alkoholmissbrauch

von | 27. November 2020

Das Coronavirus macht uns allen zu schaffen. Doch auch der Alkoholkonsum wird zunehmend zum Problem.

Das Coronavirus ist vor allem gefürchtet, weil es die Atemwege befällt. Doch auch die Leber muss stark darunter leiden. So hat eine Studie des Zentralinstituts für seelische Gesundheit gezeigt, dass über ein Drittel der Befragten nun mehr Alkohol trinke. Obwohl Bars und Restaurants aufgrund des Lockdowns starke Einbußen durch Schließung verzeichnen, trinken die Deutschen dafür Zuhause mehr. Doch der häufigere Griff zum Alkohol kann tiefgreifende Auswirkungen haben.

Wie sich das Trinkverhalten der Deutschen entwickelt hat

Die Deutschen konsumieren schon seit vielen Jahren im internationalen Vergleich überdurchschnittlich viel Alkohol. Allein 2017 hat jeder über 15-Jährige im Durchschnitt 10,5 Liter Reinalkohol getrunken. Schätzungsweise 1,4 Millionen der Deutschen zwischen 18 und 64 Jahren haben ein Problem mit Alkoholmissbrauch, zudem sind 1,6 Millionen alkoholabhängig. Nun zeigt eine Studie des ZI, dass 37 Prozent der Befragten seit Beginn der Krise häufiger zum Alkohol greifen. Das Institut vermutet, dass mittlerweile eine erneute Steigerung der Werte vorliegt und überprüft die Entwicklung demnächst in einer weiteren Studie.

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Gründe für den erhöhten Konsum

Laut dem Bundesministerium für Gesundheit gibt es diverse Gründe für dieses Verhalten. Dazu gehören unter anderem der Frust über die derzeitigen Einschränkungen, die Absagen von vielen Konzerten und anderen Live-Veranstaltungen, der fehlende Kontakt mit Freunden und das ständige, unbewusste Denken an Hygieneregeln. So entstehe eine „Ist-mir-egal-Haltung“ und viele griffen daher öfter zum Alkohol, als es ihrer normalen Gewohnheit entspreche. Auch die Arbeit im Home-Office trage zu diesem Verhalten bei. Da man dort nicht ständig beobachtet wird, störe es manche nicht, wenn dabei ein Gläschen Wein neben ihnen stehe.

Wie Psychologin Rosemarie Bender, welche bereits häufig Suchtkranke behandelt hat, medienMITTWEIDA mitteilt, sind die Gründe der Betroffenen „in der Regel Lebensprobleme, die sie nicht bewältigt bekommen.“ Aktuell nennt sie dabei besonders die Einsamkeit aufgrund der wenigen Sozialkontakte, aber auch den Stress, der entsteht, wenn man sich nicht ausweichen kann. Gerade in Wohngemeinschaften sei dies öfter der Fall. Laut Rosemarie Bender werde Alkohol dazu genutzt, um Spannung abzubauen.

Allerdings existiert auch das Gerücht, dass der Konsum von Alkohol vor einer Infektion mit dem Virus schütze. Das ist nicht nur falsch, sondern auch gefährlich. Denn Alkohol schwächt das Immunsystem und macht es dem Körper umso schwerer, mit einer möglichen Infektion umzugehen.

Was der erhöhte Alkoholkonsum mit uns macht 

Oft wird der erhöhte Konsum als eine Kleinigkeit abgetan, aber es ist schon einigen Menschen passiert, dass sich daraus Schritt für Schritt ein ernstzunehmendes Alkoholproblem entwickelt hat. Ein hoher Alkoholkonsum kann viele schwerwiegende Folgen für die Gesundheit haben.
Wie „Kenn-dein-Limit“ beschreibt, nehme zuallererst die Leber Schaden, da sie für den Abbau des Alkohols zuständig ist. Auch im Gehirn könnten irreversible Schäden entstehen, zu denen verringerte Gedächtnisleistung und schlechtes Konzentrationsvermögen gehören. Darüber hinaus würden das Urteilsvermögen und die Intelligenz beeinträchtigt. Langfristiger Alkoholmissbrauch könne zudem schneller Krankheiten hervorrufen und auch das Sexualleben wäre betroffen: Alkohol schwäche die Potenz und die sexuelle Erlebnisfähigkeit. Außerdem sei Alkohol ein typischer Auslöser für Übergewicht. Doch nicht nur körperliche, sondern auch psychische Probleme könnten hervorgerufen werden, wie eine Beeinträchtigung der Persönlichkeit. Das ist besonders während der Isolation gefährlich. Man könne unzuverlässig, leicht reizbar, unruhig und übertrieben eifersüchtig werden. Zudem sei es möglich, verschiedene Ängste und Depressionen zu entwickeln. Im schlimmsten Fall könnten Suizidgedanken auftreten.

Durch diesen psychischen Wandel kommt es schließlich auch leicht zu Auswirkungen im Sozialleben. Nicht selten sind Alkoholabhängige geplagt von Einsamkeit und Realitätsverlust. Bender weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass es vielen Menschen mit Suchtpotential nun schwerer falle, wieder in ihren normalen Alltag zurückzukehren, da sie jetzt vermehrt Alkohol trinken.
Zurzeit können auch die Entgiftungs- und Rehakliniken wegen des Lockdowns nicht so viele Patienten aufnehmen. Besonders problematisch ist das, weil die Isolation bewirkt, dass es viel mehr Suchtkranke gibt. Laut Bender sei es so nochmals schwieriger, alkoholkranke Menschen zu behandeln.

Wie kann man sich schützen?

Um sich nicht selbst zu gefährden, reicht es schon, einige einfache Tipps zu beachten. Bestenfalls vermeidet man es, Alkohol in den eigenen vier Wänden aufzubewahren. Anstatt aus Frust zur Flasche zu greifen, ist es besser, sich anderen Aufgaben zu widmen. Wer gern am Abend trinkt, kann auch alkoholfreie Varianten genießen. Online finden sich dafür viele passende Rezepte oder man genießt stattdessen ein Heißgetränk passend zur kalten Jahreszeit. Auch wenn es zur Zeit nur online und telefonisch möglich ist, ist es ratsam, mit Freunden, Bekannten, Familienmitgliedern oder Nachbarn in Verbindung zu bleiben, um nicht zu vereinsamen.
Empfehlenswert ist ein vernünftiger Tagesablauf.

Weiterhin kann man sich einen Ausgleich schaffen, beispielsweise durch neue oder alte Hobbys, Sport oder Übungen zur Entspannung. Gemäß Bender könne Alkohol dem Spannungsabbau dienen, weshalb vor allem sportliche Aktivitäten hierfür eine gesunde Alternative seien. Selbst ein Spaziergang könne dabei sehr hilfreich sein. Sie empfiehlt außerdem, sich am Abend mit Freunden zu einem Telefonat zu verabreden, wieder einmal ein Buch zu lesen oder in einem kleinen Heft belastende Gedanken und Sorgen niederzuschreiben. Laut Bender sei das vermehrte Trinken bei vielen keine Alkoholabhängigkeit, sondern ein Symptom von Depressionen. Hilfesuchende können sich telefonisch nicht nur an Suchtberater wenden, sondern zum Beispiel auch an die Beratungshotline des Berufsverbands der Psychologen. Dieses Angebot eignet sich besonders für diejenigen, die sich Bedrückendes von der Seele reden wollen.

„Wir müssen darauf aufmerksam machen, weil ich glaube, dass es vielen Menschen nicht bewusst ist.“
Rosemarie Bender

Diplom-Psychologin

Warum sollte man gerade jetzt seinen Alkoholkonsum einschränken?

Wer darüber nachdenkt, mit dem Trinken aufzuhören oder seinen Konsum etwas einzuschränken, kann in der Zeit der Pandemie sogar eine Chance sehen. In der gegenwärtigen Situation gibt es kaum Anreize und Situationen des Gruppenzwangs wie Partys, Treffen mit Freunden, Bar- und Diskothekenbesuche. Darum sollte man die Möglichkeit nutzen und besonders in dieser schweren Zeit auf sich Acht geben.

Text: Nancy Richter, Titelbild: Anton Baranenko
<h3>Nancy Richter</h3>

Nancy Richter

ist 22 Jahre alt und in der Oberlausitz aufgewachsen. Sie studiert seit 2019 Medienmanagement mit der Vertiefung eSports und Games Marketing in Mittweida. Bei medienMITTWEIDA ist sie die Assistenz von Team Technik.