Ehrenamtliches Engagement

„Wir machen das, weil wir noch etwas Hoffnung für diese Welt haben“

von | 31. Januar 2020

Auch im Rudolf-Habig-Stadion in Dresden sammeln Carmen Lohse und ihr Team Spenden. Titelbild: Carmen Lohse

Festivals sind zum Feiern da, das weiß auch Carmen Lohse. Doch stattdessen sammelt die Studentin seit Mitte 2018 Pfandbecher von Besuchern. Im Namen des Viva con Agua de St. Pauli e.V. besucht sie mit ihrem Team regelmäßig Konzerte und Festivals, um Spenden für Trinkwasserprojekte zu sammeln. „Wasser für alle – Alle für Wasser“ – das ist das Motto des Unternehmens, das seinen Sitz in Hamburg hat. Es setzt sich mit unterschiedlichen Projekten dafür ein, sauberes Trinkwasser für Alle möglich zu machen. Mit den Geldern werden vor allem Brunnen und Sanitäranlagen in Entwicklungsländern gebaut. Was sie dabei erlebt und wie sie dazu gekommen ist, erzählt die 22-Jährige im Interview mit medienMittweida.

Frau Lohse, wie sind Sie dazu gekommen, bei Viva con Aqua mitzumachen?

Carmen Lohse: Das ist eine ganz witzige Story. Ich war mit Freunden auf einem Festival in Österreich und da haben wir Leute gesehen, die Pfandbecher sammelten. Wir fragten, warum sie das machen und dann erklärten sie uns alles. Irgendwann haben wir uns eine Challenge gesetzt: Wer sammelt am meisten Pfandbecher? Wir machten uns Striche auf die Arme, um zu zählen, wer am meisten gesammelt hat. Am Ende sahen wir aus, wie komplett Verrückte. Im Endeffekt haben wir als Gruppe um die 260 Becher gesammelt. Das hat uns so viel Spaß gemacht, dass mein damaliger Freund und ich uns dann in Dresden dem Team angeschlossen haben.

Auf der Webseite steht, dass ihr Kunst, Musik und Sport als universelle Sprachen benutzt. Wie sieht dementsprechend ein Einsatz aus?

Lohse: Wir sammeln Pfandbecher auf Konzerten, da ist Musik als unsere Sprache ganz klar. Es gibt aber auch sehr viele Künstler, die versuchen, Aufmerksamkeit für uns zu generieren. Wir sind ja eine Non-Profit-Organisation und deswegen wäre es unfair gegenüber den Spendern, wenn wir einen Teil der Spendengelder, die unsere einzige Einnahmequelle sind, in Werbemaßnahmen investieren würden. Aus diesem Grund suchen wir immer ehrenamtliche Künstler, die das kostenfrei für uns machen. Dazu gibt es bereits ein paar Musikvideos und Songs.

Zu Kunst gehört auch das Bemalen der Sanitäranlagen. Wenn wir vor Ort die Brunnen bauen, machen wir ganz viele Workshops mit den Einwohnern und zeigen ihnen, wie sie den Brunnen instand halten können. Damit keine teuren oder aufwendigen Reparaturen aufkommen, sind die Brunnen sehr simpel. Es gibt es auch beim bauen der Sanitäranlagen Künstler, die alles wunderschön bunt anmalen. Die Künstler sind alle ehrenamtlich dabei oder arbeiten für einen kleinen Spottpreis. Es gibt auch im Internet Videos, bei denen man sich das mal anschauen kann.

Ein Einblick in ein Wasserprojekt in Nepal. Video: YouTube/Viva Con Aqua

Was gefällt Ihnen am meisten an der Arbeit?

Lohse: Das Miteinander, dass man was Gutes tut und dass man die Resultate auch sieht, gefällt mir sehr gut. Wir haben auch die Möglichkeit, in Hamburg ein Praktikum zu machen. Das heißt, wir können uns mit dem Sitz in Hamburg auseinandersetzen und vereinzelt in die Projektländer fliegen. Das hat beispielsweise ein Kollege von mir gemacht. Er war vor Ort, hat miterlebt wofür wir Spenden sammeln und hat Sanitäranlagen gebaut. Das ist richtig cool! Das transparente Arbeiten unserer Organisation finde ich auch sehr gut. Wir sind alles Ehrenämtler, wir machen das, weil wir Bock und doch noch etwas Hoffnung für diese Welt haben. Wir sind eine Gruppe von Leuten, die so ist, wie sie ist. Niemand wird ausgegrenzt. Jeder kümmert sich darum, auf so viele Events zu gehen, wie möglich, um Leuten unsere Botschaft zu übermitteln.

Sie waren ja bereits Studentin, als Sie 2018 anfingen. Wie schaffen Sie die Ehrenamtliche Tätigkeit neben dem Studium?

Die Vorbereitung einer Tonne. Foto: Carmen Lohse

Lohse: Am Anfang habe ich noch in Dresden studiert. Da war das alles super einfach, da die Konzerte immer abends statt gefunden haben und ich nicht so lange Vorlesung hatte. Wir sind circa ein bis zwei Stunden vor Konzertbeginn da und bauen unsere Tonnen auf. Wir bleiben bis alle Gäste das Gelände verlassen haben und ihre Becher abgegeben haben. Du bist dann spätestens um zwölf auf dem Weg nach Hause und circa um eins im Bett. Es ist schon sehr anstrengend nebenbei, aber meistens sind die Konzerte ja auch am Wochenende. Man hat am Ende das Gefühl, dass man was erreicht hat und

wenn man im Studium gerade etwas frustriert ist, kann das einen schon aufheitern. Gerade ist es etwas schwieriger, an Events teilzunehmen, da ich jetzt in Mittweida studiere. Daher freue ich mich auf jeden Fall auf die Semesterferien. Da werde ich dann wieder öfter mit dabei sein.

Müssen Sie eine bestimmte Anzahl an Konzerten im Monat besuchen, um aktives Mitglied zu bleiben?

Lohse: Nein, man ist da super flexibel. Du kannst auch mal drei Monate nicht aktiv sein und dann einen Monat wieder voll durchstarten. Man muss sich über einen Pool auf Events bewerben und bekommt dann eine Zu- oder Absage. Du kannst auch, wenn du bemerkst, du kannst doch nicht, deine Bewerbung wieder zurückziehen.

Die Vision ist ja „Wasser für alle – Alle für Wasser“. Welchen Meilenstein möchtet ihr in naher Zukunft knacken?

Lohse: Wir haben letztes Jahr schon einen richtig guten Spendenrekord geknackt. Wir waren bei über 25.000 Euro Spendengelder und das ist sehr viel. Ein Ziel für dieses Jahr wäre sicherlich, diesen Rekord nochmal zu brechen. Außerdem sind wir auf jeden Fall beim House on the Hill Festival in Mittweida dabei. Darauf freue ich mich schon sehr. Mein persönliches Ziel ist es, die Chemnitz-Crew wieder aufzubauen. Die ist leider etwas auseinander gegangen, da kein richtiger Ansprechpartner vor Ort ist, der die Verantwortung übernimmt. Das werde ich mit einem Kollegen übernehmen. Dafür suchen wir auch ganz dringend Leute, die Bock haben, auch mal in der Woche oder am Wochenende bei Konzerten dabei zu sein.

Warum sollten sich vor allem Studierende ehrenamtlich engagieren?

Lohse: Man hat, abgesehen von dem Ehrenamt selbst, sehr viele Vorteile. Man bekommt natürlich auch einen Ehrenamtspass, wenn man schon etwas länger dabei ist und ihn beantragt. Dadurch hat man viele Vorteile, wie Vergünstigungen und Nachlässe. Es passt auch sehr gut in den Lebenslauf. Jeder freut sich, wenn im Lebenslauf noch etwas anderes steht, als die Mitarbeit an Projekten.

Außerdem ist es ein super Ausgleich zur Uni. Du kannst dich auf was freuen, wie zum Beispiel einen geilen Abend und darauf, anderen Menschen helfen zu können. Mir war immer wichtig, etwas zurückzugeben, da ich das Privileg hatte, in Deutschland aufgewachsen zu sein. Wir hatten alle keine Wahl, wo wir aufwachsen, und so kann ich mich für Menschen in Entwicklungsländern einsetzen.

Text: Maria Marle, Titelbild und Foto: Carmen Lohse, Video: YouTube/Viva Con Aqua