Wenn nichts mehr bleibt

von | 24. März 2019

Die jungen Menschen ziehen aus den Dörfern weg, die alten Leute bleiben zurück. Foto: Laura Fischer

Seit vielen Jahren zieht es Teile der Bevölkerung weg vom Land und in die Städte Deutschlands. Zurück bleiben alte Menschen und leerstehende Gebäude. Auch die thüringische Gemeinde Wurzbach kämpft gegen das Offensichtliche – das Aussterben der deutschen Dörfer.

„Es gab nichts was es nicht gab. Man kann sagen, es hat an nichts gefehlt und alle der fünfzehn Gaststätten, zehn Fleischer und acht Bäcker konnten davon leben. Heute kämpfen die letzten Geschäfte regelrecht ums Überleben.“ Es sind Erinnerungen, von denen Brigitte Coburger spricht. Sie beschreibt das Dorf, in dem sie aufgewachsen ist, das Dorf in dem früher so viel Leben herrschte.

In Wurzbach gab es zu jener Zeit, so erzählt sie, ein Geschäft am Anderen. Es haben sich Friseur an Apotheke, Gemüseladen an Textilhandel und Schmiede an Kurzwarengeschäfte gereiht. Sogar eine Eisbar und eine große Milchhalle gab es. „Hier wurde Käse verkauft und weiter hinten haben sie aus großen Kübeln die Milch mit Kellen in kleine Krüge abgefüllt. Heute ist das alles gar nicht mehr vorstellbar.“, sagt die 76-Jährige mit etwas Wehmut in der Stimme.

Und was sie sagt stimmt: Auf dem Marktplatz der kleinen Stadt, sieht man fast nichts außer geschlossene Ladentüren und verhangene Schaufenster. Eine Gaststätte, der „Thüringer Hof“, und das Kunsthaus Müller sind alles, was geblieben ist. Doch wie kommt es dazu, dass deutsche Dörfer wie Wurzbach aussterben und was kann getan werden, um diesen Wandel aufzuhalten?

Städte wachsen, Dörfer schrumpfen

In Deutschland leben laut Angaben des Statistischen Bundesamtes 82,7 Millionen Menschen, davon 77 Prozent in dicht und mittelstark besiedelten Gebieten. Eine Statistik des Bundesamtes für Bau-, Stadt-, und Raumforschung zeigt, dass vor allem die Großstädte und die Gebiete ringsum eine wachsende Bevölkerungszahl zu verzeichnen haben. Wohingegen gerade die neuen Bundesländer einen Bevölkerungsrückgang von über sechs Prozent zu verbuchen haben. Aus einer Statistik des Statistischen Bundesamtes lässt sich entnehmen, dass Thüringen eines der Bundesländer mit dem höchsten Altersdurchschnitt ist. Betrachtet man die Einwohner Thüringens, zeigt sich in einer Auflistung des Thüringer Landesamtes für Statistik zudem, dass 25 Prozent der Einwohner über 65 Jahre alt sind.

Auch in Wurzbach sieht das nicht anders aus. Laut Angaben des Thüringer Landesamtes für Statistik sind 64% der Einwohner 40 Jahre oder älter. Außerdem sind die Einwohnerzahlen seit 2000 stetig gesunken. Lebten vor achtzehn Jahren noch knapp viertausend Menschen in der kleinen Stadt, waren es 2017 nur noch etwas mehr als dreitausend.

„Wer studieren will, muss eben gehen“

Vor allem junge Menschen sind es, die der Heimat den Rücken kehren. Auch in Wurzbach zieht es viele junge Leute weg vom Land. „Wir haben hier doch keine Möglichkeiten zu studieren und wer das will, der muss eben gehen.“, sagt Anne Kaufmann. Sie hat in diesem Jahr ihr Abitur gemacht und will Lehrerin werden. Für das Studium geht sie nach Jena, was nur etwa eine Stunde von Wurzbach entfernt liegt. „Jeden Tag zu fahren, kann ich mir einfach nicht leisten und man will ja auch das Studentenleben ein bisschen genießen.“

So wie ihr geht es vielen. Die nächsten Hochschulen in Hof und Jena liegen etwa eine dreiviertel Stunde Autofahrt entfernt und sind ohne eigenes Fahrzeug auch nur nach einer längeren Zugfahrt erreichbar. Ein attraktives und vielfältiges Ausbildungs- und Arbeitsplatzangebot, bessere Verdienstmöglichkeiten und einen hohen Freizeitwert sieht auch die Bundesregierung in ihrer Demografiestrategie als ausschlaggebende Gründe für die Abwanderung der Menschen in die Städte. Universitätsstädte wie Münster und Leipzig, sowie Oberbayern mit München als Zentrum haben demnach zwischen 2011 und 2013 besonders viel Zuwachs verbuchen können.

In Thüringen hingegen sieht die Lage anders aus. Die niedrigen Arbeitslöhne machen das Bundesland nur wenig attraktiv für Zuwanderer. Wer hier arbeitet, verdiene aufs Jahr gerechnet 40,7 Prozent weniger als Westdeutsche, so Zahlen des Deutschen Gewerkschaftsbunds. Trotzdem sind die Arbeitslosenquoten wesentlich niedriger als beispielsweise in der Hauptstadt. Hier hatten im Herbst 2018 knapp acht Prozent der Menschen keine Arbeit,, wie Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigen. In Thüringen waren es nur 5,4 Prozent. In Wurzbach haben nur die wenigsten Einwohner eine Anstellung direkt in der Stadt. Deshalb nehmen manche Einwohner den Arbeitsweg ins nahegelegene Bayern in Kauf oder fahren bis zu einer Stunde in die größeren Städte.

„Es ist wirklich eine Katastrophe“

Brigitte Coburger erinnert sich an Zeiten, wo das noch anders war: „Die Betriebe waren da. Die Leute hatten Arbeit direkt vor Ort. Es gab ein großes Möbelwerk, einen Steinmetz, die Pappfabrik und sogar eine Lehrwerkstatt. Irgendwo haben die Leute gearbeitet.“ Heute ist davon kaum etwas geblieben. Zwei größere Firmen gibt es noch im Ort. Die Verpackungen-Fröb GmbH und die CSM Produktion GmbH, ein Backwaren-Hersteller, sind Betriebe in denen mehrere Mitarbeiter beschäftigt sind. „Es gab ja auch keine Möglichkeit, irgendwo hinzufahren. Es hatte ja kaum jemand ein Auto. Die Meisten die außerhalb gearbeitet haben, kamen zu Fuß zur Arbeit oder sind mit dem Zug gefahren.“

Auch das sei heute schwierig geworden, sagt sie. Die Strecken mit Zug oder Bus seien viel zu teuer und meist mit langen Wartezeiten verbunden. Gerade für ältere Menschen, von denen viele nicht mehr Auto fahren oder keinen Führerschein haben, sind die Lebensumstände schwierig geworden. Eine kleine Kaufhalle gibt es noch im Ort. Es ist der nächste Anlaufpunkt für die meisten Ortschaften ringsum.

„Da können wir wirklich froh sein, dass wir hier noch einen Lebensmittelladen haben. Mir ist früh schon oft eine Frau aufgefallen, die halb acht mit dem Bus nach Wurzbach fährt, um ihre Einkäufe zu machen und dann noch stundenlang auf einer Bank sitzt und wartet bis der nächste Bus kommt. Es ist wirklich eine Katastrophe!“, erzählt Brigitte Coburger.

Tatsächlich fahren in die nächsten Ortschaften nur vereinzelt Busse. Wartezeiten von bis zu zwei Stunden sind keine Seltenheit. In die nächstgrößere Stadt mit Supermärkten, Drogerie und Ärzten sind es etwa acht Kilometer. Eine einfache Fahrt kostet bereits 1,60€. Früher seien es nur 70 Pfennige mit dem Zug nach Bad Lobenstein gewesen. Da habe man nicht lange überlegt, so die 76-Jährige.

Patient sucht Arzt

Doch nicht nur die fehlenden Versorgungsmöglichkeiten und der öffentliche Personennahverkehr geben den Wurzbachern Anlass zur Sorge. Auch die medizinische Versorgung wird zunehmend zu einem Problem auf dem Land. Bis zum Jahr 2020 werden nach Berechnungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) 50.000 niedergelassene Ärzte in den Ruhestand gehen.

Das betrifft auch Wurzbach. Seit vor etwa drei Jahren einer der Allgemeinmediziner in Rente gegangen ist, gibt es nur noch einen Arzt im Ort, der längst keine Patienten mehr aufnimmt. „Wir mussten lange nach einem neuen Hausarzt suchen und nun ist der Weg zum Arzt das nächste Problem.“, erzählt Brigitte Coburger.

Die meisten seien heillos überfordert, so die 76-Jährige. „Aus Sicht des Arztes ist man in der Zwickmühle, dass man dem Patienten, der gerade vor einem sitzt, ausreichend Zeit und Aufmerksamkeit schenken will, während man sieht, wer alles noch im Wartezimmer sitzt und behandelt werden möchte.“, so Karsten Marcus. Er ist Facharzt für Orthopädie in Bad Lobenstein.

Er sieht das Problem des Ärztemangels in der Zuweisung der Fachärzte durch die Bedarfsplanung: „Die grundlegenden Zahlen für diese Bedarfsplanung, wie Bevölkerungsdichte, Morbidität und Lebenserwartung stammen aus den 90er Jahren. Seitdem hat sich der medizinische Fortschritt jedoch rasant entwickelt. Zum einen sind die Lebenserwartungen gestiegen. Zum anderen werden auch ärztliche Behandlungen nachgefragt, welche zum Zeitpunkt der Planung noch gar nicht zur Verfügung standen.“ Das führe letzten Endes dazu, dass es nahezu unmöglich sei, den Bedarf an fachärztlicher Behandlung abzudecken, der notwendig wäre, um die Bevölkerung adäquat zu behandeln.“, so Karsten Marcus.

Um dem Ärztemangel entgegenzuwirken entschieden sich die Wurzbacher kurzerhand dazu, sich durch das Sammeln von Unterschriften selbst um einen neuen Allgemeinmediziner zu bemühen. Schon hier erkennt man, wie der kleine Ort gemeinsam versucht für ein lebenswertes und attraktives Umfeld zu kämpfen.

Einer für alle, alle für einen

Zahlreiche Vereine im Ort machen es den Einwohnern möglich, sich einzubringen und zu engagieren. Einer der Größten unter ihnen ist die Karnevalsgesellschaft „Grün-Gold“ e.V. Sie zählt derzeit etwa 150 Mitglieder und konnte 2018 ihr 60-jähriges Bestehen feiern. Unter den Vereinsmitgliedern engagieren sich sehr viele junge Leute. Einer von ihnen ist Max Wagner.

Der 20-Jähirge moderiert seit mehreren Jahren die Veranstaltungen und engagiert sich auch außerhalb der Saison sehr aktiv im Ort. „Die Vereinsarbeit ist sehr wichtig für Wurzbach, um das kulturelle Leben aufrecht zu erhalten. Ich bin gerne aktiv dabei, weil ich sehe wie sich die Leute freuen, wenn wir im Ort vorwärtskommen und sie ein Stück weit aus dem Alltag abholen können.“

Neben den Vereinen gibt es außerdem zahlreiche Bürger, die aus eigener Kraft mit anpacken.  Gemeinsam haben Einwohner der Stadt ein besonders aufwendiges Projekt ins Leben gerufen. Es handelt sich um einen etwa vier Kilometer langen Rundwanderweg, der vorbei an Holzhütten, Schautafeln, sowie Sitzgelegenheiten führt und bereits als „hochwertiger Wanderweg vom nationalen Interesse“ eingestuft wurde. Es ist also spürbar, dass die Wurzbacher bereit sind zu kämpfen. Dafür das Leben im Dorf lebenswert zu machen, es aufrecht zu erhalten, es nicht sterben zu lassen. Die Eigeninitiative der Bürger: Das ist es, was bleibt.

Text: Anne-Kristin Baum; Foto: Laura Fischer 

Anne Baum

ist 21 Jahre alt und studiert im 5. Semester Medienmanagement an der Hochschule Mittweida. Während des Studiums hat sie sich in Richtung Journalism spezialisiert. Nebenbei arbeitet sie in der Onlineredaktion der Freien Presse und sammelt hier erste redaktionelle Erfahrungen.
Anne Baum

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