Das Non-Plus-Ultra der Jahrtausendwende

Messenger-Dienst ICQ

von | 10. Juni 2019

Der Instant-Messenger ICQ, erkennbar an einem kleinen unverwechselbarem Blümchen. Titelbild: Nico Götze, Christin Post

„Könntest du mir vielleicht deine Nummer schicken?“ – ein Szenario, das wohl die meisten von uns in Erinnerung behalten haben. ICQ – der erste Instant Messenger. Es war der Überflieger im Browser. Auf mehr als 100 Millionen Rechnern wurde das Programm installiert. Er sorgte dafür, dass weltweit Millionen Nutzer unbeschwert und kostenlos miteinander kommunizieren konnten. Ausgezeichnet durch das einprägsame „Au-Oh“, komplettierten witzige Emojis und angepasste Online-Spiele den Messenger-Dienst.

Nach mehr als 20 Jahren scheint das Messenger-Portal jedoch niemanden mehr in Erinnerung zu sein. Längst haben Nachfolger wie WhatsApp, Facebook und Skype dem Pionier den Schneid abgekauft. Dennoch scheint ICQ weiter zu existieren und seine Nutzer zurückgewinnen zu wollen. Ein Kampf, der in unserer heutigen medialen Welt schwierig zu gestalten scheint, denn die Vielfalt an Messenger-Diensten ist rapide gestiegen.

Der erste Instant-Messenger – ICQ

Der Begriff ICQ steht als Abkürzung für die englische Floskel „I seek you“, was so viel bedeutet wie „ich suche dich“. Damit war einer der wichtigsten Aspekte des Messenger-Dienstes beschrieben. Nutzer zu suchen, sie durch ihre persönliche ID zu finden und mit ihnen zu kommunizieren. In den älteren Versionen mussten sich die Nutzer mit ihrer E-Mail-Adresse und einem persönlichen Passwort anmelden. Dabei wurde eine personalisierte ICQ-UIN (Unique Identification Number) vergeben. Im Jahr 2009 wurden 470 Millionen registrierte Nutzer mit einer solchen UIN verzeichnet. Dies entspricht jedoch nicht der tatsächlichen Nutzerzahl, denn jeder Nutzer konnte sich nach Belieben registrieren. In Spitzenzeiten des Messengers, zwischen 1999-2001, konnten über 100 Millionen aktive Nutzer identifiziert werden.

Instant-Messenger

Ein Instant Messenger (IM) (engl. instant = sofort; engl. messaging = Datenaustausch) ermöglicht die sofortige Kommunikationsverbindung, bei der Nachrichten in Echtzeit über eine Software übermittelt werden. Die empfangenen Nachrichten können vom Nutzer, anders als bei E-Mails, direkt auf dem Bildschirm beantwortet werden. Durch das entsprechende Messenger-Programm können Nutzer unter anderem Fotos, Video- & Audio-Files, sowie weitere Dokumente verschicken. Beim „Instant Messaging“ besteht weiterhin die Möglichkeit, auf eine personalisierte Kontaktliste zurückgreifen zu können.

ICQ als studentische Start-Up-Idee

Vier israelischen Studierenden ist es gelungen, aus einer simplen Idee Kapital zu schlagen. 1996 veröffentlichte das Startup-Unternehmen Mirabilis den ersten Instant-Messanger-Dienst. Die ICQ-Software wurde zum Dauerbrenner in den Download-Listen, denn zu dieser Zeit konnte kein vergleichbarer Messenger-Dienst mit dem Startup-Unternehmen konkurrieren. Dieser weltweite Hype weckte die Begierde des amerikanischen Medienkonzerns, America Online (AOL). Dieser kaufte 1998 das Startup-Unternehmen für sagenhafte 407 Millionen US-Dollar. Wann genau der Hype den deutschsprachigen Raum erreichte und wie lang er hierzulande anhielt, ist dabei schwierig einzugrenzen. Während ältere Nutzer nach den ersten Jahren auf andere Messenger auswischen, nutzte gerade die jüngere Nutzerschaft die Kommunikationsplattform bis ins Jahr 2010.

Im Kampf der Messenger-Dienste

Die Kehrseite der Medaille zeigte sich schnell. Nach der Jahrtausendwende ähnelten weitere Plattformen wie „AOL Instant Messenger” (AIM) oder „MSN” (Microsoft Network-Messenger) dem Messenger-Dienst. Die Bedeutung des Pionier-Messenger nahm in den folgenden Jahren stetig ab. AOL versuchte dabei mit farbigen Layouts, Emojis, Web-Games und Werbungen gegen die sinkenden Nutzerzahlen zu reagieren – vergebens. 2010 verkaufte AOL dann den Messenger-Dienst an die russische Investmentgruppe Digital Sky Technologies für 187,5 Millionen Dollar. Auch unter dem neuen Eigentümer sanken die Zahlen weiter. Zwischen 2010 und 2013 fiel die Zahl der Nutzerschaft von knapp 42 Millionen auf 11 Millionen Nutzer ab.  

Einige der bedeutsamsten Emojis des Messengers. Sie äußerten Sprüche und tanzten auf den Bildschirmen tausender Nutzer. Grafik: Nico Götze, Christin Post

ICQ 10.0 – die neueste Version

Dennoch gab die russische Investmentgruppe den Messenger, auch nach Etablierung weiterer Nachfolger-Modelle, nicht auf. Mit der 2016 veröffentlichen ICQ 10.0 Version revolutionierte sich der Messenger-Dienst. Eine neue, werbefreie Messenger-Optik sowie weitere erneuerte Funktionen gaben der Plattform eine neue Ausstrahlung. Des Weiteren konnte der Browser-Dienst erstmals als App für iOS, Android und Windows-Phone gedownloadet werden. Die mittlerweile umbenannte russische Investmentgruppe (Mail.ru Group) setzte dabei vermehrt auf die Expansion in andere Länder. In Brasilien, Argentinien und Uruguay stiegen die Downloadzahlen seitdem erstmals wieder an. Der lateinamerikanische Markt scheint von der erneuerten Version positiv überrascht zu sein.

Der Wandel der Netzkultur

Dennoch scheint die Neugestaltung des Messenger-Dienstes zu spät erschienen zu sein. Die Datenanalyse der We are Social Singapore, welche die jährlich genutzten sozialen Plattformen auswertet, unterstützt die gestiegene Bedeutungslosigkeit des Messengers. Demnach schafft es ICQ in Deutschland nicht mehr in die Top 10 der genutzten Plattform-Dienste. Der Abschwung der Bedeutung ist anhand der sinkenden Nutzerzahlen unschwer zu erkennen. Die Messenger-Nachfolger wie WhatsApp, Facebook, Skype und Instagram bilden dabei seit nun mehr 10 Jahren die Spitze der Marktführer. Sie sind problemlos seit Beginn auf allen digitalen Endgeräten nutzbar und erfüllen alle Funktionen des Social Networks-Vorgängers ICQ.

Das Non-Plus-Ultra

Für die Nostalgiker jedoch ist die historische Bedeutung des Messenger kaum anzuzweifeln, schließlich steht ICQ für den Beginn der Chat-Revolution und den noch andauernden Wandel unserer Netzkultur. Die Community mochte den damalig einfachen Umgang im Browser-Chat, die animierten Funktionen und die wiedererkennbaren Sounds. Mit dem Browser-Chat veränderte sich auch das Kommunikationsverhalten.

Viele unter ihnen werden dabei aber weiter hoffen, noch einmal ein „Au-Oh“ aus ihren Monitor Lautsprechern zu hören. Ein Sound, der auch heute den Nutzern ein Lächeln ins Gesicht zaubert. In diesem Sinne – ein kräftiges „Au-Oh“.

Text: Nico Götze, Titelbild und Grafik: Christin Post, Nico Götze