Einmal Musik zum Mitnehmen, bitte

Von Walkman bis iPod

von | 7. Juni 2019

Walkman, Discman und MP3-Player wie der iPod veränderten die Art und Weise, wie wir Musik hören. Titelbild: Julia Walter

Ein Mann sitzt vor seinem MacBook und spielt groovige Musik ab. Der Beat reißt ihn so sehr mit, dass er kurzerhand anfängt, sich dazu zu bewegen. Er fügt den Song zu seinen Favoriten hinzu und synchronisiert die iTunes-Bibliothek mit seinem iPod. Anschließend zieht er das USB-Kabel ab, steckt sich die Kopfhörer in die Ohren und tanzt wie berauscht durch seine Wohnung. Schließlich streift er sich seine Jacke über, steckt den iPod in die Tasche und verschwindet immer noch tanzend durch die Haustür. Dann ist es still. „iPod – 1000 songs in your pocket“, sagt ein Sprecher.

Die erste Werbung von Apples iPod aus dem Jahr 2001 beschreibt, wenn auch etwas stilisiert, was die Käufer der rund 390 Millionen Geräte im Laufe der folgenden Jahre gut kennen dürften. Musik überallhin mitzunehmen ist mittlerweile selbstverständlich, doch dahinter stecken über 40 Jahre Geschichte, in denen nicht nur Apple, sondern auch Sony eine wesentliche Rolle einnimmt.

Die Dinosaurier unter den Musikgeräten

Vor dem Zeitalter der MP3-Player waren der Walkman oder Discman die einzige Möglichkeit, unterwegs Musik zu hören, auch wenn man damals von 1000 Liedern Speicherplatz nur träumen konnte. 1979 ging Sonys Walkman TPS-L2 das erste Mal über den Ladentisch. Designer Hartmut Esslinger, der das Walkman-Modell WM2 entwarf, erinnert sich gegenüber BILD.de an eine Entstehungsanekdote: „Der Chef einer Entwicklungsgruppe hatte einen Kassettenrecorder umgebaut, um damit bei der Fahrt zur Arbeit Musik zu hören. Sein Chef bekam davon Wind. Er riet ihm, einen kleinen Sennheiser-Kopfhörer mit Schaumstoffpolstern zu benutzen und die Lautsprecher wegzulassen.“ Auch wenn die wirkliche Entstehungsgeschichte umstritten ist – bis die Produktion in Japan 2010 eingestellt wurde, verkaufte Sony laut Handelsblatt insgesamt rund 200 Millionen Walkman-Kassettenspieler.

Jüngere Generationen kennen den Walkman entweder aus der Kiste auf dem Dachboden oder aus seinen Auftritten in Filmen wie Guardians of the Galaxy. Der 2014 erschienene Film räumte dem Walkman eine prominente Rolle ein und sorgte für ein kurzes Revival. Nach Angaben von Sony sind die Verkäufe von Kassetten zwischen 2014 und 2015 um 31 Prozent gestiegen. Ein weiterer Meilenstein in der Geschichte der Musik war der Discman, oder auch Walkman D-50, der 1984 auf den Markt kam und das erste portable Gerät zum Abspielen von CDs war. Schließlich ging die technische Entwicklung jedoch in eine Richtung, in der analoge Tonträger nicht mehr unbedingt nötig waren.

Kapazitäten von Tonträgern

Eine handelsübliche Kassette hat pro Seite eine Spieldauer von rund 90 Minuten. Die typische CD mit einem Durchmesser von zwölf Zentimetern kann hingegen 74 Minuten Musik wiedergeben. Diese beruhen auf einer Legende, die besagt, dass Sonys damaliger Vize-Chef Norio Ohga Beethovens Neunte Symphonie in Furtwänglers Einspielung darauf speichern können wollte. 74 Minuten bleibt der Standard, allerdings gibt es mittlerweile auch CDs mit bis zu 100 Minuten Speicherkapazität.

„1000 Songs in deiner Tasche“

Die Entstehung von MP3 und die damit einhergehende Reduktion der Datengröße von Musikdateien führte zu neuen technischen Möglichkeiten und damit zur Entwicklung der MP3-Player. In den USA wurde 1998 der erste MP3-Player auf dem Markt eingeführt, ein Jahr später folgte Deutschland mit dem Pontis MPlayer3. In Fahrt kam der Verkauf 2003 mit rund 870.000 verkauften Geräten, was sich bis auf acht Millionen im Jahr 2005 steigerte. Zunächst hatten diese nur ein geringes Speichervolumen, das für etwa 30 Minuten Musik reichte, doch das sollte sich schnell ändern.

2001 kam Apples iPod auf den Markt. Der Slogan „1000 Songs in deiner Tasche“ war kein leeres Versprechen. Der klassische iPod startete 2001 mit fünf Gigabyte Speicherplatz, was für rund 1000 Lieder reichte. 2003 folgte die Einführung einer iTunes-Version für Windows und der iPod-Boom rollte an. Es folgten zahlreiche neue Modelle – von iPod Shuffle, über iPod Nano bis hin zum iPod Touch. Im Jahr 2006 war der iPod noch vor dem Mac Apples umsatzstärkstes Produkt mit fast 40 Prozent aller Umsätze. Die Verbindung von Musikdateien von PCs und portablen Abspielgeräten inspirierte zu Beginn der 2000er jedoch auch andere Firmen. Zum Beispiel brachte Sony 2001 das Walkman-Modell MZ-N1 heraus und Intel den Pocket Concert.

GoodbyePod – Musiknutzung im Wandel

Mit der Beliebtheit der MP3-Player wuchsen auch die Anteile der digitalen Einnahmen im Musikmarkt, bisher noch ohne Streaming. Der Höchstwert wurde 2012 mit 4,4 Milliarden US-Dollar erreicht. Bis 2018 sind diese wieder auf die Hälfte gesunken, während Streaming in derselben Zeit bis auf 8,9 Milliarden US-Dollar gewachsen ist. MP3-Player haben im Zuge dieser Entwicklung ein Problem – sie können sich den modernen Gewohnheiten des Musikhörens nicht anpassen. Ältere Modelle sind weder kompatibel mit Bluetooth-Kopfhörern, noch kann man sie mit dem Internet verbinden. Streamingdienste wie Apple Music oder Spotify können jedoch nur auf internetfähigen Geräten genutzt werden. Abgesehen davon ist das Abspielen von MP3-Dateien seit dem Aufkommen von Smartphones kein Alleinstellungsmerkmal von MP3-Playern mehr.

Wo 2008 noch fast 55 Millionen iPods verkauft wurden, gingen die Zahlen in den folgenden Jahren zurück, bis der iPod 2015 schließlich in die Sparte „andere Produkte“ fiel und in den Geschäftsberichten gar nicht mehr einzeln ausgewiesen wurde. Apple zog 2014 die Konsequenzen aus dem Rückgang, indem sie den Verkauf des klassischen iPods einstellten. 2017 wurden iPod Nano und iPod Shuffle ebenfalls ausrangiert. Ein weiterer Grund dafür dürfte der rasante Anstieg der iPhone-Verkäufe sein. Business Insider geht so weit, zu sagen, dass der iPod den Weg für das iPhone geebnet hat – als erstes Endgerät, das weniger Computer und mehr Unterhaltungselektronik darstelle. Damit nimmt er ähnlich wie Sonys Walkman trotz seines langsamen Aussterbens eine wichtige Rolle in der Geschichte des Musikhörens ein.

Text und Titelbild: Julia Walter