„Eure Beats haben Bass, unsere Beats haben besser”

Die Orsons: What’s Goes?

von | 1. Juni 2019

Die selbsternannten „Rapper der Liebe” provozieren nicht nur bei ihren Artworks. Foto: Monica Menez (Pressematerial)

Vor zehn Jahren trafen sich durch Zufall vier junge, geniale, sehr gutaussehende und sehr hungrige MCs in einem Studio im Schwäbischen”, heißt es auf der Webseite des Labels Chimperator Productions über Entstehungsgeschichte der Orsons. Nach drei – mehr oder weniger – ausgefallenen und etwas chaotischen Alben erschien dann im März 2015 What’s Goes?. Entstand das erste Album der Band schon innerhalb von vier Tagen, so ließen sich die Stuttgarter Boys bei ihrem vierten Studioalbum mehr Zeit, um den perfekten Sound zu finden.

Anders als bei den vorherigen Alben, schafften es die vier Schwaben bei Whats Goes?zum ersten Mal  ein einheitliches Konzept zu entwickeln. Das kann manchmal gar nicht so einfach sein, wenn sich neben temporeiche Upbeat-Nummern auch ruhige, melancholische Tracks auf dem Album tümmeln. Den Orsons gelingt es trotzdem, so etwas wie einen roten Faden zu finden, auch wenn dieser wohl eher einem etwas verhedderten Wollknäuel gleicht. Dass sich dieses Knäuel am Ende trotzdem ohne Knoten auflösen lässt, ist vor allem Tua geschuldet: Er produzierte das komplette Album und schaffte es, ein einheitliches Klangbild zu zaubern.

In Whats Goes?  wird gesampelt was das Zeug hält. Und die Orsons machen dabei vor Nichts und Niemanden halt. In Papa Willi und der Zeitgeist wird beispielsweise ein verfremdetes Vocal Sample von Biene Majas bestem Freund auf einen temporeichen und Bass-lastigem Beat gelegt. Dieser Track macht definitiv Laune und ist auch Live ein richtiger Abreißer. Im Titeltrack des Albums beschallt uns außerdem die hochgepitchte Stimme von Günther Oettinger, der in schlechtem Englisch verkündet: „In my homeland Baden-Württemberg, everybody does as he pleases.“

Die Orsons im Portrait

Die Orsons sind eine deutsche Hip-Hop-Gruppe, bestehend aus den Rappern Tua, Kaas, Maeckes und Bartek. Die 2007 gegründete Gruppe ist bei dem Stuttgarter Label Chimperator Productions sowie bei dem Major-Label Universal unter Vertrag. Nach der Veröffentlichung der ersten beiden Alben folgte ein Major-Deal, Tourneen mit Kool Savas und Herbert Grönemeyer sowie große Festivalgigs. Am gleichen Tag, an dem die Orsons 2012 bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest auftraten, erschien auch ihr drittes Album Das Chaos Und Die Ordnung. Drei Jahre später folgte dann mit What’s Goes? das bis dahin erfolgreichste Album der Orsons, welches direkt auf Platz 2 der deutschen Charts einstieg. Nachdem die Orsons 2017 ihr 10-jähriges Bestehen und den Gold-Status der Single Schwung in die Kiste mit zwei ausverkauften Shows in Berlin und Stuttgart feierten, legte das Rapper-Kollektiv eine zweijährige Pause ein. Im August 2019 soll nun das fünfte Album Orsons Island   – mit anschließender Tour – erscheinen.

Abseit des Pop-Mainstreams

Diesen Spruch von Oettinger scheinen sich die Orsons als gebürtige Baden-Württemberger auf die Fahne geschrieben zu haben. Sie machen das, worauf sie Lust haben, ohne sich dem Geschmack der breiten Masse zu beugen. Auch wenn das Album mit Ventilator und Schwung in die Kiste Songs geliefert hat, die durchaus das ein oder andere Mal ihren Weg ins Radio gefunden haben, so will Tua von Mainstream und Popmusik nichts wissen. Im Interview mit Noisey erklärt er: „Die Anbiederung an den Massengeschmack ist halt ein gnadenloser Kackschuh. Man kann sich den anziehen, aber dann muss man auch damit laufen. Wer sich einmal dafür entscheidet, gnadenlose Dreckspopmusik zu machen, der macht sich damit auch Türen zu. Und das haben wir zum Glück nie gemacht.“

Ob Tua bei dieser Aussage das vorherige – für Orsons-Verhältnisse sehr poplastige – Album Das Chaos und die Ordnung außen vor gehalten hat, ist anzunehmen. Wenigstens ist sich Bartek bei Whats Goes sicher, dass sie es geschafft haben, jeglichen „Wackheitsfaktor” im Album zu eliminieren. Lediglich in Sunrise 5:55am darf Kaas seinen inneren Backstreet-Boy raushängen lassen. Mollig warm in ein Pop-Gewand gehüllt, überschüttet der Song den Hörer dabei regelrecht mit seiner Liebe – typisch Kaas eben. Wenn man jedoch über den zugegebenermaßen übertrieben kitschigen Text hinwegsehen kann, hat dieser Track definitiv Ohrwurm-Potenzial. Und einen netten Appell gibt es obendrauf: Rücksicht nehmen!

„Ich steig‘ aus dem Bett und plan‘ den Tag,
mach‘ mir eine Liste, was ich heut‘ erreichen mag.
Ich werde trainier’n, viel mehr Rücksicht zu nehmen
auf die Umwelt und die Menschen in mei’m Leben.“

Sunrise 5:55 am (2015)
Die Orsons

Um Rücksichtnahme geht es auch im zwölften Track des Albums. Doch die Orsons wären nicht die Orsons, wenn es bei dieser Sache keinen humorvollen Haken gäbe. In diesem Falle trägt der Haken den Titel Das Klo und fordert: „Hinterlass das Klo bitte so, wie du’s selber vorfinden magst!“ Auch wenn dieser Track eher den Eindruck erweckt, dass die Orsons sich und ihre Musik nicht ganz so ernst nehmen, so ist laut Tua kein Wort auf dem Album ohne Grund gewählt. Im Noisey-Interview sagt er dazu: „Wenn wir schöne Worte benutzen, dann werden die hart diskutiert. Du kannst nicht auf dem Orsons-Album irgendwas einfach so sagen, weil du es cool findest. ‚Alter, was labersch du? Was für Wasserwogen?!? Erklär mir das mal!!!‘ Du kannst dir nicht vorstellen, was da schon für Diskussionsrunden entstanden sind.”

Eine bunte Mischung

Anscheinend endeten diese Diskussionsrunden nicht immer im gemeinsamen Konsens. Denn obwohl Whats Goes? bereits das vierte Album der Band ist, ist es laut Bartek das erste, mit dem die vier richtig zufrieden sind. „Das neue Album besteht jetzt einfach eher aus Tracks auf die wir live auch richtig Bock haben“, erzählt er im Interview mit urbanite Leipzig. „Aber [es] vernachlässigt auch die deepen Songs nicht, die wir feiern.“ Zur ersteren Variante gehören wohl definitiv Lieder wie Ventilator, Whats Goes?, Papa Willi und der Zeitgeist, sowie der überaus tanzbare Track Schwung in die Kiste. Der Titel verspricht hier auf jeden Fall nicht zu wenig.

Der erste Single der Orsons, die Goldstatus erreichte. Video: YouTube/Die Orsons – Schwung in die Kiste

Wer zwischen den ganzen wilden Tracks mal eine Verschnaufpause braucht, dem bieten Leicht, Grün und Lass uns chillen die Gelegenheit, sich entspannt zurückzulehnen. Ruhige Töne werden auch in Seitdem angeschlagen. Was sich zuerst anhört wie ein Song über eine toxische Liebesbeziehung, ist eigentlich eine Selbstreflexion Tuas über seine Drogensucht: „Jeder sagt mir, ich seh‘ viel besser aus seitdem du weg bist.” Sowieso ist bei den Orsons nicht alles so, wie es auf den ersten Blick scheint. Vermutet man hinter Songs wie SalamiFunghiZwiebelPartypizza zunächst einen Spaßtrack, so wird man mit mit einem ernsten Song über den Tod und die Frage, was mit einem passiert wenn man stirbt, überrascht.

Eintönigkeit kann man den Orsons also auf keinen Fall vorwerfen. Musikalisch gesehen bietet Whats Goes? vom straighten Hip Hop über Dub-Einflüsse bis hin zu Jumpstyle eine breite Palette an überragend gut produzierten Songs. Und auch textlich gesehen dürfte irgendwo zwischen Toilettenhygiene und dem Leben nach dem Tod für jeden etwas dabei sein. Für wen das nicht zutreffen sollte gilt immer noch: „Everybody does as he pleases.“

Tracklist: What’s Goes?

Credit: Monica Menez (Pressematerial) 

1. What’s Goes?
2. Papa Willi und der Zeitgeist
3. Lass uns chillen (feat. Maxim)
4. Ventilator
5. Sunrise 5:55am
6. Schwung in die Kiste
7. Grün
8. Tornadowarnung
9. Feuerrot
10. Leicht
11. Seitdem
12. Das Klo
13. Wasserburgen (feat. Mine)
14. Oben vom Heu
15. Abschiedsparty
16. SalamiFunghiZwiebelPartypizza
17. Das Öl

Text: Marie Kühnemann, Fotos: Monica Menez (Pressematerial)