„In Brüssel sitzt ein Ungeheuer”

Dota: Bis auf den Grund

von | 2. Juni 2019

Dota Kehr lässt ihre Texte tanzen. Foto: Annika Weinthal (Pressematerial)

Systemkritik gepaart mit rhythmischem Fußwippen und Hüfte schwingen. Das ist die Musik rund um die 40-jährige Dorothea (Dota) Kehr. Mit ihrem eigenen Label Kleingeldprinzessin.record haben sie bisher 14 Alben veröffentlicht. Schon ihre älteren Platten, wie das im Jahr 2010 veröffentlichte Album Bis auf den Grund, weisen die ganz eigene Dota-DNA auf und beweisen, dass deutsche Musik keineswegs austauschbar und langweilig ist.

Dota im Portrait

Dorothea (Dota) Kehr hat Ende der 1990er Jahre als Straßenmusikerin unter dem Namen Kleingeldprinzessin angefangen. Zunächst war sie alleine unterwegs, später ist sie zusammen mit den Stadtpiraten aufgetreten. Heute heißt die Band nur noch Dota, aber den Namen Kleingeldprinzessin haben sie behalten. Denn so heißt das eigene Label, in welchem sie bereits 14 Alben veröffentlicht haben. Alle in eigener Regie. Das 2016 veröffentlichte Album Keine Gefahr kletterte auf Platz 14 in den deutschen Albumcharts. Ihr neuestes Album Die Freiheit, welches 2018 veröffentlicht wurde, landete auf Platz elf.

Musik als Souvenir

Man kann Dota auch nur zustimmen, wenn sie dem Tagespiegel sagt: „Schön zu sehen, dass sich bei uns niemand unwohl fühlt.“ Denn sie und ihr Team überzeugen ihr Publikum mit ausdrucksstarken Texten und abwechslungsreichen Instrumenten. Im Jahr 2010, als das Album entstanden ist, trat die Band noch unter dem Namen „Dota und die Stadtpiraten” auf. Das waren neben Dota Kehr Nicolai Ziel am Schlagzeug, Leon Schurz am Bass sowie Jan Rohrbach an der Gitarre und auch mal am Mini-Keyboard. Die Tonalität ihrer Musik ist geprägt durch ihre Reisen durch die Welt. Besonders Dotas Zeit in Brasilien habe ihre Musik beeinflusst, sagt sie in einem Interview mit der Berliner Zeitung. So entsteht ein bunter Mix aus Bossa Nova – eine Mischung aus Samba und Jazz-, deutschem Punk und Chanson.  

„Ich erkläre meine Steuer
und sie erklärt sich mir nicht,
in Brüssel sitzt ein Ungeheuer,
das in Rätseln zu mir spricht.“

Utopie (2016)
Dota Kehr (ft. Die Stadtpiraten)

In Liedern wie Utopie und Im Glashaus zeigt Dota, dass sie im Kern doch eine Liedermacherin der 80er Jahre-Generation ist. Eine subtile Rebellin, die mit unterschwelliger Poesie Kritik am System äußert. Doch wenn sie die heute, neun Jahre später, auf die Texte des Albums zurückblickt, würde sie einiges anders machen. Schriftlich erklärt sie auf Nachfrage der medienMITTWEIDA-Redaktion: „‚In Brüssel sitzt ein Ungeheuer, das in Rätseln zu mir spricht` stammt aus einem Lied-Entwurf über Agrarsubventionen und soll auf keinen Fall als antieuropäisches Statement verstanden werden. Kritik in Brüssel klang 2010 ganz anders als heute, wo sie von rechts so laut ist. Doch Anlass zur Kritik wegen mangelnder Transparenz, undemokratischen Entscheidungsprozessen und insbesondere wegen der Abschottung gegen Migration gibt es nach wie vor.” Auch in ihrem neuen Album Freiheit, welches 2018 erschienen ist, sind politische Botschaften versteckt. Doch das Album ist um einiges erwachsener und reifer. Dota weiter: Freiheit bildet recht viel von der Zeit ab, in der es entstanden ist. Aufkommender Autoritarismus und das große globale Wohlstandsgefälle, ‚me too-Bewegung‘ und Dating Apps. Irgendwas fließt immer mit in die Songs ein.” 

Dota und Band: Künstler unter sich. Foto: Annika Weinthal (Pressematerial)

Musik ohne Filter

Doch haben alle ihre Lieder einen politischen Untertitel?: „Politisch? Natürlich sind nicht alle Lieder, die ich schreibe politisch, aber viele beinhalten so eine Reflexion über Ungerechtigkeit, über Gesellschaft, über das, was man so in Kontakt ist, wenn man täglich Nachrichten hört und draußen rum läuft und sich umschaut“, sagt sie im Interview mit dem Deutschlandfunk. Sie wolle sich nicht anpassen und in eine Rolle drängen lassen. Und das stimmt. Denn in ihren Songs definiert sie Authentizität neu. Ihre Musik hat keinen Instagram-Filter. So ist Bis auf den Grund auch ein Album voller ehrlicher Sehnsucht und Träumen. Ohne dabei kitschig zu werden, singt Dota in Ohrsteckermädchen von verpassten Chancen und vergisst hierbei nicht die Prise Ironie:

„Es gibt Ereignisse mit Folgen,
aber die meisten bleiben ohne.
Und die interessieren uns meist zu recht nicht die Bohne.
Wenns dich stört sag ich dir Mädchen,
immerhin hast du gute Musik dabei gehört.“

Ohrsteckermädchen (2017)
Dota Kehr (ft. Die Stadtpiraten)

Tracklist: Bis auf den Grund


Cover: Kleingeldprinzessin.record (Pressematerial)

  1. Transparent
  2. Utopie 
  3. Ohrsteckermädchen
  4. Erschlossenes Land
  5. Zu nah am Boden
  6. Im Glashaus
  7. Das Leben
  8. Inflationär
  9. Tempomat
  10. In meinen Träumen
  11. Zuhause
  12. Containerhafen
  13. Bis auf den Grund

Und gute Musik ist es, denn instrumentell sind Dota und ihre Stadtpiraten ausgezeichnet aufgestellt. Für das Album hatte sich die reguläre Besetzung noch weitere Künstler ins Boot geholt. Neben den Stadtpiraten waren auch Gastmusiker im Studio: Jonas Hauer an Rhodes und Hammond Orgel, Lilia Antico am Marimba- und Vibraphon und Kristinel Manole, der Trompeter der Band Fanfara Kalashnikov. Diese Zusammenarbeit zwischen den Musikern sorgt für ein musikalisches Erlebnis der Extraklasse. Ungezwungen, spontan und spannend. Ihre Songs sind beeinflusst durch alles, was sie höre, sehe, lese und erlebe: „Letztlich ist der wichtigste Schritt für ein Lied aber, dass sich ein kleines Fragment Text mit einer Melodie paart”, sagt sie medienMITTWEIDA.

Immer auf der Hut vor der Hafenaufsicht
spielen wir nachts im Flutlicht Versteck.
Und Ich verlauf mich zwischen meterhohen Wänden
aus Stahl im Abschnitt C vom Containerterminal.
Erstick ein kleines bisschen Wehmut im Keim
und träume vom Rückschritt, aber nur ganz insgeheim.“

Containerhafen (2008)
Dota Kehr (ft. Die Stadtpiraten)

Doch neben all der Systemkritik behält sich Dota auch immer eine gewisse Leichtigkeit. So betrachtet sie in Containerhafen die Welt durch Kinderaugen. Fasst kann man die Kräne Container verladen hören oder die Sonnenstrahlen auf dem Gesicht spüren. Es ist ein Lied, das Lust auf mehr macht. Gut, dass das Album mit insgesamt 13 Songs genug Vielfalt bietet. Mit einer Mischung aus kindlichem Spielgeist und der nötigen Ernsthaftigkeit bietet Bis auf den Grund Musik für jede Lebenslage. Es ist ein Album voller Ehrlichkeit, Wortwitz und Sehnsucht. Ein Eckpunkt in einer beachtlichen musikalischen Karriere von Künstlern, die viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommen. Obwohl vielleicht genau darin der Erfolg liegt. Sie haben es geschafft, auch nach gut einem Jahrzehnt noch ein Geheimtipp zu sein. So hat man bei Dota stehts das Gefühl, bei Kaffee und Kuchen mit Freunden über die Welt zu philosophieren.

Spontan und authentisch: Dota im Song Containerhafen. Video: YouTube/Dota

Text: Julia Scholl, Fotos: Annika Weinthal, Albumcover: Kleingeldprinzessin.record/Dota Kehr (Pressematerial)