„Es gibt so viele, doch ich spür‘, du bist anders“

LEA: Zwischen meinen Zeilen

von | 28. Mai 2019

Aus ihrem selbstgedrehten Video wurde neun Jahr später ein Chartstürmer: Wohin willst du-Komponistin LEA. Foto: Jens Koch (Pressematerial)

Mit ihrem zweiten Studioalbum Zwischen meinen Zeilen beweist Singer-Songwriterin LEA eindrucksvoll ihre Durchschlagskraft in der deutschsprachigen Musikwelt. Mit Texten über Liebe, Freundschaft und Einsamkeit, eingebettet in marktüblichen Electro-Pop, bewegt sich die 26-Jährige dabei auch endgültig aus dem Schatten des DJ-Duos Gestört aber GeiL.

„Wohin willst du?“, fragte LEA Radiohörer 2017 mehrmals täglich. Den gleichnamigen Song schrieb die in Kassel geborene Sängerin bereits 2008 und lud ein selbstgedrehtes Video auf YouTube hoch. Dabei begleitete sie sich selbst auf dem E-Piano, damals noch ohne den gerade geschnittenen, blonden Pony im Gesicht, der heute als ihr Markenzeichen gelten könnte. Knapp neun Jahre später veröffentlicht das Erfurter DJ-Duo Gestört aber GeiL den Titel Wohin willst du. LEAs Gesang und Piano bleiben, dennoch stehen elektronische Beats und Bässe im Vordergrund. Branchenüblich würde man das als Remix bezeichnen, Gestört aber GeiL jedoch feiern sich zum wiederholten Male selbst als Interpreten des Titels. LEA, die den Hit, der es bis auf Platz elf der deutschen Single-Charts schaffte, textete, komponierte, sang und über YouTube überhaupt erst zum Leben erweckte, war plötzlich nur noch das von der Masse unbeachtete Feature ihres eigenen Liedes und nicht einmal im offiziellen Musikvideo zu sehen.

Zu ihrem großen Glück erkannten Produzenten und Plattenfirmen dennoch den wahren Star hinter dem Song und verhalfen ihr damit zu einer Solo-Karriere, von der viele ihrer Kolleginnen und Kollegen, die ebenfalls fleißig Videos von eigenen Songs im Internet hochladen, nur träumen können. Mit Zwischen meinen Zeilen präsentiert LEA nach Vakuum (2016) bereits ihr zweites Studioalbum.

LEA im Portrait

LEA, bürgerlich Lea-Marie Becker, wurde 1992 in Kassel geboren. Seit ihrem 15. Lebensjahr veröffentlichte sie Videoclips im Internet, ehe sie 2016 bei Four Music das Album Vakuum veröffentlichte und mit Wohin willst du den Durchbruch schaffte. Das Folgealbum Zwischen meinen Zeilen schaffte es bis auf Platz sechs der deutschen Albumcharts. Anfänglich als Singer-Songwriterin am Klavier bekannt geworden, ist sie mittlerweile im deutschsprachigen Electro-Pop zuhause.

Erste Gefühlsoffenbarung nach 13 Sekunden

Ganze 13 Sekunden läuft der erste Album-Titel Landebahn, da grüßt die Singer-Songwriterin mit der ersten Gefühlsoffenbarung: „Ich bin grad nur auf dem Sprung, leb’ vom Kaffee und vom Fahrtwind, seit Wochen im Rausch, jeder Tag ist durchgetaktet.“ Das wirkt mit Blick auf ihren Terminkalender der letzten beiden Jahre schonungslos ehrlich. Die Authentizität in LEAs Texten ist das, was diese Platte wirklich einzigartig und markant werden lässt.

Die Single-Auskopplung Zu dir widmet die Sängerin einem Menschen, zu dem sie gehen würde, wenn „die letzte Stunde für [sie] schlägt“. Ohnehin wird der aufmerksame Hörer das Gefühl nicht los, LEA versteckt Botschaften an ihr wichtige Menschen in diesem Album, in der Hoffnung, diese bekommen sie eines Tages im Radio zu hören. Den Titel unterlegt sie im Musikvideo mit mutigem Bewegtbild:

Für den Song Zu dir hat sich LEA prominente Unterstützung geholt: Labelkollege Mark Forster übernimmt den Hintergrundgesang. Video: YouTube/LEA

Album mit Gänsehautfaktor

Wer bis zur Mitte des Albums noch keine Gänsehaut verspürt, bekommt sie spätestens bei Heimweh nach wir auf dem Silbertablett serviert. „Ich weiß noch damals, wie du sagtest, als wir eingezogen sind: Wenn der Alltag beginnt, dann gehen wir nicht hin, wir gehen da nicht hin“, singt LEA im Wechsel zwischen Brust- und Kopfstimme und trifft dabei mitten ins Herz. Auch ein der Pubertät längst entwachsener Mittdreißiger wird da mit einem bittersüßen Lächeln an die erste oder zweite große Liebe zurückdenken müssen.

Die Platte schließt mit dem Titel Immer wenn wir uns sehn, der bereits vorab zum Titelsong des Kinofilms „Das schönste Mädchen der Welt“ wurde. Die Albumversion singt LEA allein und verzichtet auf das bisherige Feature mit dem Rapper Cyril. Dabei werden Teile des Textes verständlicher und emotionaler, was dem Song spürbar gut tut. Neben markanten Vocals und tiefgründigen Texten bietet LEA auf diesem Longplayer vor allem eines: Ohrwürmer en masse! Bei insgesamt 13 Titeln geht mindestens jeder zweite ins Ohr. Das ist eine Quote, die sich andere Alben des Genres nur leise wünschen können.

Zu viele Electro-Arrangements

Zwischen meinen Zeilen hätte damit durchaus Potenzial gehabt, zu einem der besten Deutsch-Pop-Alben der letzten Jahre zu werden. Wären da nicht all die fürchterlich lieblos produzierten Electro-Arrangements, die ein Deutsch-Pop-Bullshit-Bingo schnellstens gewinnen würden: Zu viel Claphand, zu viel Vocalchop (ein Gesangston, der elektronisch gesamplet wird und beliebig in seiner Tonlage verändert werden kann, sodass neue Melodien entstehen), zu viele atmosphärische Pads aus den Niederungen der 90-er. Nur LEAs Klavier schafft da ab und an ein klein wenig wohltuende Kante.

Für ein drittes Studioalbum bleibt der Wunsch nach mehr Mut bei der musikalischen Gestaltung neuer Werke. Bis dahin lässt LEA ihre Hörer, in Form ihres aktuellen Albums, mit einem kurzweiligen Gesamtwerk zurück, was sich durch unterschiedlichste Textfacetten für das erste Date mit reichlich Herzklopfen mindestens genauso gut eignet wie zum Tränenvergießen am Ende einer Beziehung. Und wer über schnöde Electro-Sounds partout nicht hinweg sehen kann, für den hält LEA eine zusätzliche Akustik-Version ihres Albums bereit, in dem sie sich bei acht Titeln allein auf dem Piano begleitet.

Tracklist: Zwischen meinen Zeilen

  1.     Landebahn
  2.     Zu dir
  3.     Blicke (feat. Wincent Weiss)
  4.     Halb so viel
  5.     Zwischen meinen Zeilen
  6.     Heimweh nach wir
  7.     Lieber allein
  8.     Fahrtwind
  9.     Wunderkerzenmenschen
  10.  Leiser
  11.  Applaus
  12.  Klavier
  13. Immer wenn wir uns sehn (Soundtrack „Das schönste Mädchen der Welt“)

Text: Toni Kraus, Titelbild: Copyright Jens Koch (Pressematerial)